Von Marion Gräfin Dönhoff

Windhoek, im März

Ob Namibia wirklich im nächsten Jahr als 160. Staat den Vereinten Nationen beitreten wird? Alle Vorbereitungen dafür werden derzeit getroffen. Der Grenzkrieg im Norden, der 1966 begonnen, also während 22 Jahren die Bevölkerung in Not und Schrecken versetzt hat, ist eingestellt worden. Seine Opfer: mehrere tausend Zivilisten und Guerilla-Kämpfer und auf Seiten der Regierung einige hundert Gefallene – zumeist Schwarze. Zurück bleiben als mahnendes Zeichen die vielen durch Minen verstümmelten Kinder.

Das Schlüsselwort für die nächsten Monate lautet: "Resolution 435 des UN-Sicherheitsrates." Diese Resolution soll die Abschaffung der Apartheidgesetze gewährleisten und die Unabhängigkeit Namibias herbeiführen. Außerdem legt sie die Bedingungen und den Zeitablauf fest, der ab 1. April bis zu den Wahlen für eine verfassunggebende Versammlung am 1. November 1989 eingehalten werden muß.

Einiges ist bereits vor dem 1. April geschehen: Die provisorische Regierung, die mit Ausnahme Südafrikas von niemandem in der Welt anerkannt wurde, hat am 31. März ihr Ende gefunden. Alle acht Minister – sechs Schwarze und zwei Weiße – sind zurückgetreten, und der Administrator General Louis Pinaar, den Pretoria vor drei Jahren eingesetzt hat, ist nun unumschränkter Herrscher; denn ihm untersteht seither sowohl die Exekutive wie auch die Legislative. Ab 1.April wird ihm der Special Representative der Vereinten Nationen, der Finne Martti Athisaari, zur Seite stehen. Der Dritte im Bunde, der für den friedlichen Verlauf dieser komplizierten Vorgänge Sorge tragen muß, ist ein Inder, General Dewan Prem Chand. Er ist bereits eingetroffen, wirkt vertrauenerweckend und wird ab 1. April über die United Nations Transition Assistance Group (UNTAG) befehlen.

Die UNTAG besteht aus einer zivilen und einer militärischen Fraktion. Zur zivilen Gruppe gehören 300 erfahrene Polizeibeamte und insgesamt 1000 bis 1200 Funktionäre. Es sind Beamte und Angestellte der Vereinten Nationen aus dem Verwaltungs- und Rechtsbereich, die die 400 Wahllokale überwachen sollen. Das militärische Kontingent besteht aus 5000 Mann, die aus verschiedenen Ländern kommen: Bangladesh, Finnland, Kenia, Malaysia, Togo, Venezuela, Jugoslawien; ferner 200 Beobachtern und einem dazugehörigen Stab von 2300 Hilfskräften. Die Militärs tragen Waffen, die sie aber nur zur Selbstverteidigung einsetzen dürfen.

Um sich das Ungewöhnliche, ja geradezu Phantastische dieses Unternehmens vorstellen zu können, muß man sich zunächst den Zustand des Landes vergegenwärtigen. Die Bevölkerung besteht aus etwa 1,2 Millionen Menschen, von denen 75 000 Weiße sind. Über die Hälfte der Schwarzen sind Angehörige des Ovambo-Stammes, der im Norden sitzt und aus dem sich die SWAPO rekrutiert. Die andere Hälfte ist in zehn ethnische Gruppen unterteilt, die sich auf dieser Zwischenebene in ihren Regionen selbst verwalten. Dort gibt es also Instanzen, Häuptlinge und andere, die über Macht, Privilegien und Einfluß verfügen, was alles sie sicherlich nur ungern zugunsten einer demokratischen Wahl aufgeben werden. Man muß also örtlich mit Widerstand rechnen.