Von Fritz J. Raddatz

Dieses Buch ist, was es nicht gibt: eine idyllische Elegie. Es ist die vielleicht ergreifendste Prosa der Christa Wolf – ganz leise, traurig ohne Pathos, sattgesogen von Abschied, doch gar nicht tränendick: „Altern ist Rückzug“.

Der schmale Band – ohne Genrebezeichnung, eine „Etüde“ möchte man ihn nennen – hat eine so meisterhaft eingehaltene Balance zwischen Außen und Innen, wie es ansonsten nur Lyrik leistet. Die Sätze so klar, durchsichtig und dennoch immer in der Schwebe belassen; schön und voll der unbestimmbaren Ahnung von Grausen, Ende, Tod.

Im mecklenburgischen Landhaus einer Schriftstellerin – „Alle Figuren in diesem Buch sind Erfindungen der Erzählerin, keine ist identisch mit einer lebenden oder toten Person“ – treffen sich Freunde, der Mann, Kinder, ein Enkelkind. Da ist von Fischsuppe und Wein, irdenen Krügen, Brennesseln und Maulwürfen die Rede, von Napfkuchen und Kirschkernen und schönen alten Möbeln. Mal „Wanderungen durch die Mark Mecklenburg“, mal „Sommergäste“ – aber von Tschechow. Doch von der ersten Seite an, unmerklich fast zu Beginn, sirrt ein Ton von Unheimlichkeit, sogar: Unwirklichkeit in den Zeilen – als seien sie die Notenlinien einer Warnmusik: „Merkst du nicht, wie alles zum Zerreißen gespannt ist.“ So deutlich, meist, ist das nicht – vielmehr stilistisch unendlich behutsam; mehr, wie die Sätze gebaut sind, in einen offenen Konjunktiv ausschwingend, und wo ein „wohl“ oder „vielleicht“ oder „warum“ steht, ist entscheidend für eine Atmosphäre des Ziehenden. Noch bevor begreifbare Menschen, ersichtliche Charaktere vorgeführt werden – Ellen, die Autorin; Little Mary, die Enkelin; Jan, der Ehemann – hat Christa Wolf den Leser eingewoben in einen Kokon; man liest sich über unsicheren Boden fort, spürt eine Vibration – nichts Quatschend-Weiches wie über einem Moor, sondern etwas kühl Singendes wie auf zu dünnem Glas. Christa Wolf hat Eis aus gefrorener Luft gegossen und damit vermocht, die Lektüre zu einer ganz tiefen Verunsicherung werden zu lassen.

Es ist offenbar ihre eigene Verunsicherung. Sie will nicht „Gesellschaft schildern“, sondern erzählen, was einem passiert, wenn man als Teil einer Gesellschaft überhaupt sich unterfängt, von ihr zu sprechen; weil man ja immer und notwendig von sich spricht – „Das grausame Gesetz der Kunst: daß man sie mit Teilen von sich selbst füttert“. Das ist das Grandiose dieser Prosa: Sie erzählt und weist dabei in der Erzählung vor, daß Erzählen eine verfressene Lüge ist: „Dafür fand sie einen Namen für das Ferment, das zum Schreiben nötig war, ‚Selbstvertrauen‘. Es war ihr ganz und gar genommen worden.“

Der Text, vor sieben Jahren geschrieben, entstand als eine Art „Verschlingung“ von (mit?) „Kein Ort. Nirgends“; es wäre eine eigene – reizvolle – Analyse wert, Nähe und Entfernungen, Tongleichheit und Dissonanz der beiden Bücher festzustellen. Der Titel jener Kleist-Erzählung von 1979 war ja eine Abkürzung. Vollständig hieß das damals schon im Text „Unlebbares Leben. Kein Ort, nirgends“. Dafür ist dieser nun überarbeitete und erst zehn Jahre später publizierte Text das „Unterfutter“.

Damals war alles aus dem Halt historischer Zeitgenossenschaft herausgehoben, der Vorspruch zitierte die Günderode, die Erzählung gab Kleist Stimme. Jetzt ist alles in die Gegenwart gepflanzt, das Motto stammt von Sarah Kirsch, der befreundeten Kollegin, die an anderer Stelle vom gemeinsamen Sommer auf dem Lande berichtet hat, der nun – im ersten Satz schon Abschied buchstabierend – heißt: „Es war dieser merkwürdige Sommer.“