Ein Spiegel für Europa

Von Gerald Segal

LONDON. – In Westeuropa mag man noch darüber streiten, was die noch von Michail Gorbatschow im Dezember angekündigten einseitigen Kürzungen der Roten Armee bedeuten. Aber in Asien ist die Wirkung zumeist eindeutig positiv. Denn die bei weitem wichtigsten sowjetischen Truppenkürzungen werden dort erfolgen.

Wenn, wie von Gorbatschow zugesagt, ein Teil der sowjetischen Streitkräfte abzieht, wird die sowjetische Truppenpräsenz im Vergleich zu ihrem Höchststand in den frühen achtziger Jahren fast halbiert. Etwa 200 000 Mann der halben Million, die insgesamt entlassen werden sollen, kommen aus dem asiatischen Teil der Sowjetunion. Mehr als die Hälfte der Kürzungen sind hier geplant, obgleich nur ein Drittel aller sowjetischen Streitkräfte dort steht.

Schon in den vergangenen sechs Jahren waren 80 000 sowjetische Soldaten aus dem sowjetisch-chinesischen Grenzbereich abgezogen worden. Die Flottentätigkeit der sowjetischen Marine in asiatischen Gewässern wurde in den vergangenen drei Jahren um ein Viertel verringert. Vielleicht stehen wir vor einem grundlegenden Wandel der sowjetischen Militärstrategie – immer vorausgesetzt, Gorbatschows Ankündigungen werden auch verwirklicht.

Was bedeutet das für die Sicherheitspolitik der Länder Asiens? Am deutlichsten wird China profitieren. Die zivile Führung in Peking ist mit der Entwicklung so zufrieden, daß sie offenbar daran denkt, nach den bisherigen Kürzungen der chinesischen Volksarmee um drei Millionen Mann noch eine halbe Million zusätzlich zu streichen. Die Bereitschaft Moskaus, die militärischen Spannungen zu China konkret abzubauen, hat zu der Vereinbarung des sowjetisch-chinesischen Gipfeltreffens im Mai beigetragen, das den langen bitteren Disput zwischen den beiden kommunistischen Großmächten formell zu den Akten legen soll.

Allerdings gibt es manchen in der chinesischen Regierung, der dies auch mit Sorge vermerkt. Denn wenn die sowjetische Bedrohung schwindet, bricht das ganze dreißigjährige Gebäude der chinesischen Militärdoktrin in sich zusammen. Es wird dann immer schwieriger, Militärausgaben im bisherigen Umfang zu rechtfertigen. Die chinesischen Militärplaner sind unsicher, welche Strategie sie künftig verfolgen sollen. Einige denken bereits laut darüber nach, ob nun nicht Indien, das moderne sowjetische Rüstungsgüter bezieht, zu einer ernsthaften Bedrohung für China werden könnte.

Auch in Japan sind konservative Kreise über die von Gorbatschow angekündigten Truppenkürzungen keineswegs erfreut. Wie läßt sich jetzt noch für hohe Militärausgaben plädieren? Wie die ablehnende Haltung Japans gegenüber sowjetischen Initiativen für normale Beziehungen und bessere wirtschaftliche Zusammenarbeit rechtfertigen?

Ein Spiegel für Europa

Der Kreml-Chef hat Bereitschaft signalisiert, bei entsprechendem politischen und wirtschaftlichen Entgegenkommen Japans die Kurilen zu entmilitarisieren – jene Inseln, die von den Sowjets am Ende des Zweiten Weltkriegs annektiert wurden und seither ein Zankapfel zwischen Japan und der Sowjetunion sind.

Auch Süd-Ost-Asien zieht Nutzen aus der neuen sowjetischen Politik. Die Verminderung der sowjetischen Flottenaktivitäten in den Gewässern Süd-Ost-Asiens und der Moskauer Druck auf Vietnam, aus Kambodscha abzuziehen, haben der Region mehr Frieden gebracht, als sie je in den letzten fünfzig Jahren erfahren hat. Wenn China seine Flotte weiter zu Machtdemonstrationen einsetzen sollte – wie vor einem Jahr bei einem Zusammenstoß mit Vietnam über die umstrittenen Spratly Inseln –, wird Peking um so deutlicher als die größte Bedrohung regionaler Stabilität herausragen.

Den Vereinigten Staaten bereiten die angekündigten sowjetischen Truppenreduzierungen in Asien erhebliches Unbehagen. Denn nun wird der Ruf nach dem völligen Abzug der Amerikaner oder wenigstens nach einem Zurückschneiden amerikanischer Militäroperationen von den philippinischen Stützpunkten aus lauter werden.

Die amerikanischen Militärs leiden wie ihre chinesischen Kollegen darunter, wenn ihr vermeintlicher Hauptgegner sich friedfertiger gibt. Auch andere asiatische Staaten könnten künftig für eine Verminderung der küstennahen Manöver der US-Flotte im Pazifik eintreten. Diese Übungen entlang der sowjetischen Gewässer wirken nun, da die sowjetische Marine sich zurückhält, besonders provokativ. Am deutlichsten werden die sowjetischen Maßnahmen die amerikanische Position in Nord-Ost-Asien beeinflussen. Wachsende Kritik an der amerikanischen Truppenpräsenz in Südkorea und Forderungen in Washington nach einem schlankeren Verteidigungsbudget machen einen Abzug amerikanischer Streitkräfte von der koreanischen Halbinsel zunehmend wahrscheinlich. George Bush dürfte auf seiner jüngsten Asienreise erfahren haben, wie sehr es Michail Gorbatschow bereits gelungen ist, den Spielraum der Vereinigten Staaten in der Region einzuschränken.

  • Gerald Segal ist Fellow am Royal Institute of International Affairs in London und Herausgeber der Zeitschrift Pacific Review.