Adrian VI., ein Reformer auf dem Heiligen Stuhl – sein guter Wille allein reichte nicht

Von Hansjakob Stehle

Dem "furor teutonicus" – deutschem Wüten sei der schöne Vatikan ausgeliefert worden, so jammerten Klerus und Volk von Rom. Doch nicht ein Ketzersturm aus dem barbarischen Norden erschreckte sie, auch nicht – wie ein paar Jahrhunderte später – der antirömische Zorn katholischer Theologen aus dem heiligen Köln. Nein, die ewige Stadt wurde in jenem Jahr 1522 durch ein Geschehnis erschüttert, das sich bis dahin in eineinhalb Jahrtausenden nur sechsmal ereignet hatte – und seitdem nie wieder: Ein Deutscher wurde Papst.

Und noch dazu aus reiner Verlegenheit. Denn keiner der nur 39 Kardinäle, die zur Wahl ins Konklave eingezogen waren und fast alle gern auf den Thron der Päpste gestiegen wären, hatte es dem anderen gegönnt. Und dies, obwohl die Schatzkammern im Vatikan leer waren. Mehr als eine Million Dukaten an Schulden hatte Leo X., der so prächtig prassende Medici-Papst, hinterlassen. "Genießen wir das Papsttum, da es Gott uns verliehen hat!" war sein erster frommer Spruch gewesen, doch die Malaria (oder Gift) machte nicht nur seinem Leben ein Ende, auch sein Hofstaat von vielen hundert Dienern, Ablaß- und Ämterverkäufern, Poeten und Gelehrten, Gauklern und Künstlern schien zu Tode getroffen. Raffael war zwei Jahre vorher gestorben, Michelangelo noch nicht ganz nach Rom übergesiedelt, die neue Petersbasilika kaum im Rohbau, die alte abgerissen. Nicht nur Gold und Juwelen, kostbare Gobelins und Gewänder Leos X., sogar sein Tafelsilber, ja die Altarleuchten hatte man, um dringendste Kosten zu decken, verschachern müssen – oder schnell beiseite geschafft.

Der Erwählte ahnte nichts

"Hier ist alles auf Habsucht und Lüge gegründet", schrieb an Kaiser Karl V. sein römischer Gesandter, während die Papstwahl schon im Gang war und – wie man trotz der vermauerten Konklavetüren erfuhr – die meisten Wähler sich um das vakante Amt nicht nur mit Worten bewarben. "Die Hölle selbst kann nicht so viel Haß und so viele Teufel bergen, als es unter diesen Kardinälen gibt", meinte der Diplomat. Um so mehr war er erstaunt, als sich die hohen Eminenzen, die schon am vierten Tag durch Kürzung der Essenszufuhr unter Druck gesetzt worden waren, plötzlich am fünfzehnten Tag für einen ganz Fremden, Abwesenden entschieden.

"Nehmt doch den Kardinal-Bischof von Tortosa – der ist ein edler Mann von 63 Jahren und gilt als heilig!" Nur als Scherz hatte es Giulio de Medici, der Vetter des verstorbenen Leo X., der ratlosen, in ihre Rivalitäten verstrickten Runde zugerufen. Und eben dieser Vorschlag war allen Ernstes akzeptiert worden. Noch wußte niemand, daß der Erwählte, der nichts davon ahnte, selber am meisten schockiert sein würde: Adrian Florens Boeyens. Seine niederländische Heimat zählte damals zu Deutschland, er war 1459 als Sohn eines armen Schiffszimmermanns in Utrecht geboren. Dank kirchlicher und adeliger Wohltäter hatte er zwölf Jahre lang in Löwen Theologie und Philosophie studieren können, es dann zum Pfarrer, Professor, ja Rektor gebracht. Er galt als ein so ungewöhnlich sittenstrenger Priester, daß ihm dies oft als Mangel an Humor verübelt wurde; die erboste Geliebte eines seiner geistlichen Kollegen, den er getadelt hatte, soll deshalb sogar versucht haben, ihn zu vergiften.