Keiner aus der heutigen Kreml-Führung war erschienen – doch Lenin, über sein Rednerpult gebeugt, stand unmittelbar daneben. Was sich vor seinem Relief am gewaltigen Säulenbau des Moskauer Stadtrats abspielte, hatten die Generationen nach ihm in der Sowjetmetropole noch nie erlebt. 10 000 Menschen waren zusammengeströmt. Hier, an der größten Verkehrsader Moskaus, luden sie ihren Zorn auf Partei und Stadt ab.

„Hände weg von Jelzin! – Nieder mit der Parteibürokratie! – Weg mit Ligatschow! – Wenn Sie das Unrecht satt haben, wählen Sie Jelzin! – Nieder mit der ZK-Kommission!“

Die Einsetzung einer ZK-Kommission zu Uberprüfung, ob der Wahlkampfmatador Boris Jelzin mit seiner Kritik an der Führung die Partei geschädigt habe, hatte das Maß der Provokationen von oben überlaufen lassen – aus der Sicht der engagierten Wahlkämpfer unten. Dreitausend hatten den Marathon-Marsch zum Stadt-Sowjet am Gorkij-Park aufgenommen. Als ich am Kalininprospekt auf den friedlichen und von der Polizei über die großen Straßenkreuzungen geleiteten Zug traf, da war er schon auf 5000 angewachsen. „Mitmarschieren!“ sagte mir ein älterer Mann auf deutsch – er kannte das Wort noch von der Front.

Auf der völlig eroberten Gorkij-Straße mischen sich nun Wut, Spott und Spektakel zu einem Volksfest für Boris. Niemand hat die Mehrheit: keine Dissidenten, keine Nationalitäten, keine Rocker, keine Altersgruppe. Studenten sind stark vertreten, auch jüngere Familien – ein erster Aufstand der liberalen glasnost-Schichten. „Ihr solltet Gorbatschow danken, daß so etwas überhaupt möglich ist“, sagt einer. „Der wird nicht mehr lange bleiben“, zischt sein Nachbar – ob aus Resignation oder Feindschaft, bleibt unklar. „Ich erlebe das zum ersten Mal“, sagt ein gerührtes Mütterchen, „ist bei Euch so die Demokratie?“

Ein älterer Mann mit schwarzer Pelzmütze und einem Pelzkragen aus Karakul auf dem dunkelgrauen Mantel, einen Stock in der Linken und die behandschuhte Rechte weit ausgestreckt, steht auf einem Gebäudesims knapp über der Menge, das Profil gereckt wie Lenin auf dem Relief neben ihm. „Ich bin ein Veteran der Arbeit und der Partei“, ruft er mit mächtiger, ruhiger Stimme über die Köpfe, „ich kann fragen: Wohin ist es mit unserer Partei gekommen? Ich schäme mich für diese sogenannten Vertreter des Volkes!“ – „Schande, Schande!“ antwortet der Volkschor. Unter dem Balkon, von dem aus Lenin vor 70 Jahren zur Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts sprach, warnt der Veteran wie einst Rosa Luxemburg die russischen Revolutionäre: „Das Zentralkomitee sägt sich den Ast ab, auf dem es sitzt!“ – „Bravo“, ruft die Menge.

Aber weitere rhetorische Prachtkerle gibt es nicht. Und als sich die Flügeltüren des sonntäglich-ausgestorbenen Stadtrat-Gebäudes nicht öffnen, obendrein kein Megaphon zur Hand ist, und die Menschen schließlich der vergeblichen Rufe nach einem Stadtvertreter und des demonstrativen Zerreißens von Prawda-Ausgaben über ihren Häuptern müde geworden sind – elektrisiert die Menge plötzlich der Ruf: „Auf zum Roten Platz!“ Sie stürmt gegen den dreifachen Kordon der Polizei und ihre quergestellten Busse an. Ein Polizeibeamter rettet die Situation, als er ein Megaphon herbeizaubert. Auf den Schultern der Menge, das Megaphon in der Hand, dirigiert der Veteran mit seiner Karakul-Mütze die Masse zum riesigen Denkmal des legendären Stadtgründers Jurij Dolgorukij. Dort fordert er unter Jubel zu einem eintägigen Streik gegen die Bürokratie auf – wenn Jelzin bei den Wahlen betrogen wird. Dann gibt er das Mikrophon an die zierliche Irina Bogonzewa. „Die Leute, die jetzt gegen Jelzin wühlen“, ruft sie, „das sind doch die Männer Breschnjews und Tschernjenkos, die Verräter der Demokratie. Es lebe der Volksdeputierte Boris Nikolajewitsch Jelzin!“

Christian Schmidt-Häuer