Wenn er es zu Hause noch nicht war: Mit der deutschen Ausgabe seines Buches „Perestrojka“ ist Michail Gorbatschow ein reicher Mann geworden; bis heute sind schon 420 000 Exemplare für 39,80 Mark verkauft. Monatelang stand es (oft als Nummer eins) auf der Bestsellerliste. Auch mir gefällt das Buch (ich hab’s dreimal gekauft und verschenkt). Es ist von redlicher Gesinnung und voll guter Absichten.

Was ich aber vor allem suchte: Wie will der sowjetische Staatsmann die Fesseln sprengen, die die sowjetische Wirtschaft (in einem Lande großer Ressourcen) zum Gespött der Welt und zur Verzweiflung der sowjetischen Bürger macht? Jahrzehntelang haben die Bürger der Prophetie Lenins vertraut, das sowjetische System sei als das bessere von der Geschichte auserwählt; nach Beseitigung der Kriegsschäden würde die sowjetische Wirtschaft die westliche überholen. Chruschtschow drastisch zu Nixon: „Wir werden euch begraben.“ Die kommunistische Führungsschicht hat ihre eigene Prognose fest geglaubt. Sie wähnte sich im Besitz einer exakten, wissenschaftlichen Erklärung der Zukunft. Marx, meinte sie, hatte den Untergang der Bourgeoisie zwingend bewiesen – man mußte nur den Tag abwarten. So hatte die Führung die Kraft, von der Nation Opfer zu verlangen – sie würden sich’ja morgen auszahlen.

Jetzt steht die Führung mit leeren Händen da, das Volk sieht sich getäuscht. Woher soll jetzt die Kraft kommen, das Reich zu führen? Vorübergehend glaubten die Volker der Sowjetunion, Perestrojka würde das Wunder vollbringen und die Läden mit den Gütern füllen, die jedermann (außer ein paar Leuten an der Spitze) bisher entbehren muß. Aber schon jetzt macht sich Enttäuschung breit. Eine Regierung aber, die ihr Volk darben läßt, kann nicht befehlen. Der Zusammenhalt des sowjetischen Weltreiches steht auf dem Spiel; nationale Gegensätze brechen auf.

So sollte man meinen, daß Gorbatschows Buch vor allem die künftige Wirtschaftsordnung skizziert. In dem ganzen Buch aber hierüber nichts. Irgendwie scheint Gorbatschow zu glauben, daß sich mit mehr Demokratie ein westliches Wirtschaftssystem von selbst einstelle.

Sollten wir da versuchen, Moskau Vorschläge zu machen? Immerhin haben wir während und auch nach zwei Weltkriegen harte Erfahrungen mit Geld und Wirtschaft gemacht. Das letzte Mal, 1948, haben wir ein Zentralverwaltungssystem (der sowjetischen Planwirtschaft ganz ähnlich) mit dem Stichtag der Währungsreform von einer Stunde auf die andere beseitigt und die Marktwirtschaft eingeführt – mit Erfolg. Es ist mißlich, einem so großen Reich und einem so erfolgreichen Mann wie Gorbatschow aus der Ferne Ratschläge zu geben – aber wir sind an seinem Erfolg interessiert; sein Scheitern würde auch uns treffen. So dürfen wir für unseren Mut um Nachsicht bitten.

Das bundesdeutsche Verfahren von 1948 auf die Sowjetunion angewandt könnte etwa so aussehen:

Vorbereitet werden muß eine Währungsreform. Alle umlaufenden Milliarden, ohne echte Kaufkraft, bar und auf Sparkonten, müssen (wie 1948 bei uns) ungültig werden. Jedermann bekommt für seine ersten Bedürfnisse ein Kopfgeld von zwanzig bis vierzig Rubel der neuen Währung. Alle Unternehmen erhalten für die Betriebskosten einen Vorschuß, neue Rubel in Höhe eines Monatsgehalts aller Mitarbeiter (Erstausstattung). Zugleich mit dem neuen Geld gibt es für drei Monate Lebensmittelkarten; Brot bleibt frei verkäuflich, genug Getreide ist (notfalls mit Hilfe der Überschüsse der USA und der EG) bereitzustellen. Die Karten dürfen nicht mehr versprechen, als die Läden haben – das mag für ein paar Wochen weniger sein als jetzt, aber ohne Schlange vor dem Laden abzuholen; die Ladenverwalter, bisher eher ruppig („ham wer nich“), werden sich um Kunden und ihre Lebensmittelkarten bemühen; denn: Verkaufen sie nichts, werden sie entlassen. Man kann auch in Restaurants seine Karten einlösen – und auf einmal liebenswürdig bedient werden. Schlangen vor den Läden und Restaurants werden verschwinden.