Ein Jazzquartett: Die Spielsteine sind verteilt - rhythmisch, harmonisch, melodisch, vier Klangfarben. Vier zusammen, eins un_d drei, zwei und zwei, drei, zwei, einer allein - zu viert spielt sichs einfach schöner als zu dntt. Die Kombinationen vervielfachen sich, man könnte die Farben vertauschen, die Spielregeln verändern, die Form sprengen.

Wir schreiben 1989, und alles ist wie immer. Der Fuß wippt im Jazzclub, ein Solo zieht unerbittlich das nächste hinter sich her, die Schablonen legen sich über die Musik "Sphere", ein Quartett um die früheren Monk Begleiter Charlie Rouse und Ben Riley, das seit 1982 existiert, spielt Kompositionen von Charlie Parker. Das Thema unisono, ein Solo Saxophon, ein Solo Klavier, ein Solo Baß, im achttaktigen Wechsel ein bißchen Schlagzeugsolo, und wenn das Thema wiederkommt, bringt die Bedienung endlich das Bier. Man klatscht. Profis, handwerklich perfekt, durch eine harte Bebop Schule gegangen, erzählen in ihren Soli die Geschichte ihrer früheren Soli. Wenn der Pianist ansetzt, verstummt das Saxophon. Sie sprechen über das gleiche Stück, fallen sich nicht ins Wort und haben sich nichts mehr zu sagen. Und am Ende erinnert das Thema noch einmal an die Vergangenheit.

Bird songs Sphere; Verve 838 032 Formal bietet auch das "Charlie Haden Quartet West" mit Ernie Watts wenig Neues, doch weht ein seltsam warmer Wind um die starren Konturen. Vielleicht liegt es am Thema: Raymond Chandlers "Red Wind", das Los Angeles der fünfziger Jahre, die Hollywood Ten, der Hillcrest Club, in dem Charlie Haden 1958 mit dem "Ornette Coleman Quartet" spielte. Während sie darüber sprechen, glaubt man, die Geschichten zum ersten Mal zu hören. Die hellen, wischenden Töne des Schlagzeugs, der dunkelweiche Baß mit den gemurmelten Kommentaren, die akkordspendenden Einwürfe des Klaviers, die sonoren, modalen Erläuterungen des Saxophons - die Klangfarben der Quartettform sind wie ein "Lincoln Continental", man kann daran nichts mehr verbessern. Die Balladen gleiten mit dreißig Meilen auf dem Boulevard, Fußgänger gegen die Fahrtrichtung, Neonlichter, Tankstellen, Zeit zum Atmen, der Klang des Santa Ana Windes, der den Smog aufs Meer hinaustreibt - Schablonen können wunderschön sein, und Charlie Haden liebt seine Zitate.

In Angel City Charlie Haden Quartet West; Verve 837 031 Greg Osby aus der neuen, hoffnungsträchtigen "Brooklyn Schule", um die sich Namen wie Cassandra Wilson, Gen Allen, Steve Coleman und Tim Berne ranken, sucht nach "frischen" Ideen und "liebt Grenzüberschreitungen" (Pressetext). Wer ihn live im Duo mit Geri Allen gehört hat, weiß, wie eindringlich sein sprödes, abstraktes Saxophonspiel klingen kann. Auf "Mindgames" verliert er sich aber in Stimmungsschwaden und traurigen Gedankenspielereien. Synthesizergesäusele, vom Baß punktiert, das Schlagzeug klopft spartanisch beschränkt, darüber das endlose Saxophon getragen, getragen und schließlich ausblendbar. An Stelle von Themen schweben harmonische Progressionen, der Vorhang bläht sich im Wind, manchmal wirft er hübsche Schatten - nichts weiter. Mindgames Greg Osby; JMT 834 422 Ist man der starren Abfolge von aneinandergereihten Soli müde, kann man den liebevollen Geschichten nichts mehr abgewinnen, wird man von dem synthetischen Sphärenbrei eingeschläfert — bleibt als vierter Ausweg "DFTh+HB W". Das sind Dinkel, Frisch, Theilmann und Helmut Bieler Wendt, ein frei improvisierendes Quartett aus Karlsruhe. Sie sind besser als der unaussprechliche Gruppenname vermuten läßt. Free Jazz Eruptionen gegen ein hämmerndes Klavier, die Hektik verwandelt sich in monochrome, ruhige Passagen, Musik wie eine Wanderung durch ein Gemälde, von Farbe zu Farbe, zwischen Verwischtem und harten Linien, über dicke Farbbrocken und zart Skizziertes. Sie wird einfühlsam und sensibel gespielt, bis einem plötzlich der Begriff des "Aufeinander Hörens" ebenfalls zur Schablone wird. Der Duft von revolutionären Aktionen in weißbestuhlten Galerien breitet sich immer aufdringlicher aus, Klangvernissagen für Menschen, die möglicherweise bereit wären, das Wort "musikalische Interaktion" auszusprechen, während sie dem anderen dabei in die Augen sehen.

— beyond the blue DFTh + HB W; KM 010 (No mans land, Postfach 84 87 Würzburg 2) Ein Bündel von Vorurteilen: Vielleicht kann Markus Stockhausen nichts dafür, daß sein Vater Karlheinz heißt "Cosi Lontano Quasi Dentro" (So weit beinahe innerhalb) ist zudem ein Kunsttitel zum Weglegen. Es ist trotzdem der einzige der fünf Wege, ein neues Spiel mit den alten Steinen zu versuchen. Jeder Titel als ein musikali sches Bild in einer einzigen Farbe, und die Töne entwickeln sich innerhalb dieses Rahmens, Der an- und abschwellende Klang der Trompete Stockhausens wie ein gestrichener Baß, darüber der sanfte, aber bestimmte Melodiebaß Gary Peacocks ("Forward"), dann wieder tanzend schlagende Baßsaiten unter der lyrisch offenen Trompete ("Late"), Die Funktionswechsel erscheinen so selbstverständlich wie das unnahbar souveräne und doch menschliche Spiel Gary Peacocks, der für jedes Bild den richtigen Ton findet. Eine aufregend beruhigende Platte, ein geschmackvolles Ende nach zähen Irrfahrten.

Cosi lontano . Quasi dentro Markus Stockhausen, Gary Peacock, Zoro Babel, Fabrizio Ottaviucci; ECM 837 111 Und ich hatte eine Abzweigung übersehen: strom, Klangwellen aus Gitarre, Baß, Saxophonen und Händen. Schlagende Wetter in Bergwerkschächten. Zu spät! Wer nicht aufpaßt, muß zurück und wieder neu anfangen: Allein zusammen im Quartett.

Iron path Last Exit; Virgin 209 744 Daß Musik Gaumen und Magensäfte anregt, hatte sich weiland unter den Feudalherren an Höfen und Kirchen herumgesprochen. Weit vor Georg Philipp Telemanns ornamentierender "Tafelmusik" garnierte der Salzburger Hofkapellmeister Biber 1680 seinem Fürstbischof Max Gandolph die kulinarischen Vergnügungen mit einer Kammermusik Suiten für diverse Streicher. Magenverstimmungen sind bei den melodisch vollmundigen und rhythmisch wie klanglich gut gewürzten Delikatessen damals wie heute nicht zu befürchten — schon eher bei der eingeschobenen, 1669 komponierten "Sonata violino solo representativa", barocker Programm Musik comme d Unterhaltung, Tierlaute auf der Geige mit allerhand Mißklängen zu imitieren: Nachtigall, Frösche, Kuckuck, Hühnergegacker, Katzengeschrei, Hundebellen und anderes mehr. Pfiffig rückt Reinhard Goebel jenem tönenden Bestiarium zu Leibe. Es bereitet unbändiges Vergnügen, der möglicherweise für die Karnevalsbälle des Salzburger Serenissimus bestellten Komposition zu lauschen, die zudem bahnbrechende Novitäten progressiven Saitenspiels präsentiert: erweiterte Lagen sowie extreme Passagen und Doppelgriffe mit Hilfe der Skordatur (geänderte Saitenstimmung). P. F. Heinrich Ignaz Franz Biber: