Bei der Frage, warum langfristige Wettervorhersagen nicht auch mit Bauernregeln und dem 100jährigen Kalender erarbeitet werden, "zuckt ein Wetterwissenschaftler von heute bis in die Zehenspitzen zusammen", schreibt Horst Malberg in seinem Büchlein über Bauernregeln. Doch der Berliner Professor, Autor eines angesehenen Lehrbuchs der Meteorologie und Klimatologie, zuckte nicht nur, sondern ging dieser Frage nach. Bald wurde das Prüfen von Bauernregeln zu seinem Hobby — und er fündig. Neben zahlreichen Nieten entdeckte er manch alte Witterungsregel, die eine Trefferquote von 80 Prozent und mehr aufweist. Damit erreichen die populären Sprüche bisweilen eine Präzision, die durchaus vergleichbar ist mit jener kurzfristiger Wettervorhersagen der modernen Meteorologie.

"Schneits im Oktober gleich, dann wird der Winter weich" — wer hätte hinter solch krauser Ruralpoesie einen ernsthaften Kern vermutet? Unsere Altvordern hat es tief getroffen, wenn die Ernte mißlang, etwa weil sich der goldene Oktober als ein weißer entpuppte. Drum lernten sie: "Bringt der Oktober schon Schnee und Eis, ists schwerlich im Januar kalt und weiß Horst Malbergs Überprüfung ergab, daß Schneefall im Oktober zwar sehr selten ist "Wenn es aber schneit, dann ist mit 63prozentiger Wahrscheinlichkeit die Zahl der Tage mit Schneefall im Januar unterdurchschnittlich. Sogar mit lOOprozentiger Wahrscheinlichkeit ist danach ein milder Winter zu erwarten "

Eine ähnlich verblüffende Trefferquote steckt hinter dem Spruch: "Wies der Matthis treibt, es vier Wochen bleibt Ist der Matthiastag (21. September) zu kalt, dann sind in zwei von drei Jahren auch die nächsten vier Wochen zu kalt. Ist er zu warm oder trocken, sind mit SOprozentiger Wahrscheinlichkeit die vier Folgewochen zu warm beziehungsweise zu trocken. Fällt Matthis dagegen ins Wasser, dann sind mit Sicherheit (100 Prozent) die nächsten vier Wochen zu naß.

Allerdings sind diese Feststellungen cum lich die Witterungsregeln am Berliner Wetter der Jahre 1908 87 geprüft, die Gültigkeit ist demnach eher regionalen Charakters. Wegen der "Vielschichtigkeit der Zusammenhänge" habe er "statistische Signifikanzbetrachtungen nicht in die Diskussion einbezogen". Ihm ging es nur um die grundsätzliche Aussagekraft der Bauernregeln. Und etliche liefern eben — meist mit einer Quote von etwa 65 Prozent — in der Tendenz richtige Prognosen. Der 100jährige Kalender hingegen versagt bei der Wettervorhersage völlig.

Die Stärke von Malbergs Buch ist weniger die wissenschaftliche Absicherung einzelner Bauernregeln. Brillant ist vielmehr, wie er anhand der oftmals präzisen, in Holperversen gegossenen Beobachtungen unserer Vorfahren dem Leser grundlegende Zusammenhänge der Meteorologie beibringt. Der seltene Wurf, daß ein unterhaltsamer Stoff didaktisch geschickt aufbereitet und damit dem Laien ein Stück Wissenschaft spielerisch erschlossen wird — hier ist er gelungen. Für die folgende Bauernregel gilt dies hingegen nicht: "Sind die Maulwurfhügel hoch im Garten, ist ein strenger Winter zu erwarten Kommentiert Malberg: "Zumindest von einer Maulwurffamilie weiß ich aus eigener Anschauung, daß sie offensichtlich von der ihre Art betreffenden Bauernregel noch nichts gehört hat. Ihrem Fleiß nach zu urteilen, dürfte es nur noch strenge Winter geben Hans Schuh Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 1989, 19 80