Eigentlich ist es als Lehrund Handbuch für Ärzte gedacht. Aber es geht uns alle an, was der Münchner Arzt Hans Jäger und seine Mitarbeiter aus dem "AIDS Hospiz" in München Schwabing über "Aids und HIV Infektionen" berichten. Denn die nötigen Informationen über die Immunschwäche Krankheit werden häufig zugeschüttet von den sensationellen Berichten in manchen Medien, die mit ihren Schlagzeilen, halben Wahrheiten oder vollständigen Dummheiten eine gelassene Auseinandersetzung mit der Herausforderung Aids sehr schwer machen.

Es ist verdienstvoll, wenn der ecomed Verlag in Landsberg das umfangreiche Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Hoffentlich schreckt der Untertitel "Handbuch und Atlas für Klinik und Praxis" nicht ab. Denn verständlich ist das Buch auch für jene, die nicht Medizin oder Naturwissenschaften studiert haben. Dem Herausgeber und Autor Hans Jäger ist es gelungen, die Verständigungsprobleme, die Crux wissenschaftlicher Texte, auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Dies kommt fast allen 16 Hauptkapiteln des Werkes zugute. Von der Aids Grundlagenforschung bis zum Umgang mit Aidskranken wird alles von kompetenten Fachleuten abgehandelt.

Darüber hinaus ist Jäger nicht nur Wissenschaftler, er ist auch engagierter Arzt, das spürt der Leser an der eigenen Betroffenheit, die sich rasch einstellt: noch sind bei Aids die Ärzte nur die hilflosen Helfer. Jäger macht deutlich, daß sie dennoch nicht überflüssig sind. Denn Mediziner und Schwestern erleichtern Sterbenskranken ihren Weg. Die sonst im Gesundheitswesen der Bundesrepublik übliche scharfe Trennung ambulanter und stationärer ärztlicher Dienste findet in Jägers Abteilung nicht statt. Das von ihm geschaffene "Schwabinger Modell" der integrierten Versorgung heißt Verzahnung ärztlicher und psychospzialer Dienste. So haben die Schwabinger Ärzte erreichen können, daß nur knapp 20 Prozent der manifest Aidskranken im Hospital behandelt werden müssen. Pflegerische und ärztliche Maßnahmen, im Buch beschrieben, lassen den Kranken eine möglichst große Freiheit. Wie im Aids Hospiz der Franziskaner Mönche in San Franzisko werden auch von Hans Jäger und seinen Helfern die vielen Dimensionen der Aids Krankheit nicht vergessen. Dem Schwabinger Modell ist auch in anderen Regionen unseres Landes Verbreitung zu wünschen.

Ein weiteres Anliegen des Buches ist es, wichtige Zusammenhänge verständlich zu machen, etwa die Bedeutung der sogenannten Risikofaktoren für die Infektion und ihre Ausbreitung. Gewiß, im nachhinein ist es leicht, klug zu erscheinen; aber wäre epidemiologisches Wissen und sozialwissenschaftliche Erfahrung bei uns verbreiteter, dann hätten die von Politikern und Medien vorgestellten Horrorszenarien nicht so viele Menschen beeindruckt.

Wohl ausschließlich für ärztliche Leser bestimmt sind die Abschnitte des Buches, die sich mit den klinischen Manifestationen der Immunschwäche befassen. Das Kaposi Sarkom, eine typische mit Aids verbundene Komplikation, wurde schon vor 100 Jahren beschrieben. Heute aber überfällt der Tumor den ganzen Organismus, der durch die Immunschwäche schutzlos geworden ist. Zumindest bei den schwer verlaufenden Infektionen mit Pilzen, Bakterien oder Viren kann eine Behandlung erfolgreich einsetzen, zwar nicht die Abwehrschwäche, aber doch wenigstens die Komplikationen bekämpfen. Denn heilbar ist Aids nicht. Und dennoch ist die Behandlung von Symptomen ethisch und ärztlich begründet. Die meisten Aidskranken sind noch jung. Das Motto einer amerikanischen Selbsthilfeorganisation: "Make the day count" (Jeder Tag zählt) ist auch Jägers Motto.

Neben den besonderen Aspekten der HIVInfektion in der Schwangerschaft und des Neugeborenen werden auch die notwendigen psychosozialen Maßnahmen beschrieben, um den Teufelskreis HIV Infektion — Drogenabhängigkeit — Prostitution zu durchbrechen. Sie sollten zum Standardwissen aller gehören, die sich mit Aids befassen.

Der Verlag möchte das Werk aktuell erhalten und wählte hierzu das Lose Blatt Verfahren. Hoffentlich werden viele Leser diesem Weg folgen, um ihr Wissen über Aids "immer dem neuesten Stand anzupassen".