Als sie ankommen in Dänemark, Pelle Karlsson aus Schweden und sein Vater Lasse, reißt der Nebel rings um das Schiff auf, und der Hafen ist in gleißendes Licht getaucht. Großes, helles, episches Licht. Sie suchen das Land, „wo sie Rosinen zum Schweinebraten essen und Butter zum Brot, wo der Branntwein so billig wie Wasser ist und so stark, daß er einen umwirft, und die Arbeit so gut bezahlt, daß ich den ganzen Tag spielen kann“. Ich: Pelle.

„Pelle der Eroberer“ ist die Geschichte eines Kindes, nicht der Aufriß einer Gesellschaft. Manchmal möchte der Film beides sein, Kindergeschichte und Sittenbild des neunzehnten Jahrhunderts; dann zerbricht er an seiner übergroßen Anstrengung, den monumentalen Absichten, den kleinen, reinlichen Bildern. Aber der Anfang, die Landung im fremden Land, ist ein leuchtendes Versprechen, und das Ende, der Aufbruch in die fremde Welt, ist es auch.

„Til Amerika.“ Pelle träumt – in dieser Reihenfolge – von Amerika, Spanien, China und „Negerland“. Die reine Ferne, gehalten ans nahe Elend wie ein glänzender Stoff an einen zerschlissenen. Die Sehnsüchte, nicht die Realitäten grundieren den Film. Am Ende verabschiedet sich Pelle von seinem Vater, der zu alt und brüchig ist, um noch einmal aufzubrechen, und läuft zum Meer. Da ist nichts als das ruhige Licht auf den Wellen, aber das ist jetzt, nach zweieinhalb Kinostunden, unendlich viel.

Und dazwischen der Nebel. Der Gutshof, auf dem Pelle und Lasse unterkommen, der Kuhstall, in dem sie arbeiten, der Hühnerstall, in dem sie schlafen. Die grauen Mauern, im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Das, wovon er eigentlich erzählt, behandelt der Film wie einen Übergang, die kostbare Kulisse wie ein Durchgangslager. Pelle und sein Vater leiden und dienen, aber man hat nie das Gefühl, daß sie einmal den Augenblick des äußersten Schmerzes erreichen könnten, den Punkt, an dem das Leiden umschlägt in Handlung. Pelles Sehnsucht und Lasses Resignation bleiben stärker als ihre Realität, das macht den Film so merkwürdig beruhigend.

Die eigentlichen Tragödien ereignen sich nebenbei, als Anekdoten: ein Grundbesitzerssohn schwängert eine Magd, die Magd tötet ihr Kind und wird verhaftet, ihr Geliebter stürzt sich bei einer Seenot-Rettungsaktion in den Tod; der Knecht Erik versucht den Aufseher des Gutshofs umzubringen, bekommt einen Stein auf den Kopf und wird schwachsinnig; der Gutsbesitzer Kongstrup verführt seine Nichte und wird von Frau Kongstrup, die ihren Ekel mit französischem Cognac betäubt, kastriert. Genrebildchen, blaß bis böse. Sie machen den Film nicht wirklich dunkel, sondern geben ihm eine schwankende, flirrende Helligkeit, als fiele ein Blitzlicht auf alte Daguerrotypien. Über die leblosen Steine des Gutshofs breitet sich, beinahe tröstlich, ein Nebel von Geschichten.

„Pelle der Eroberer“ ist ein Roman von Martin Andersen Nexö, geschrieben 1906 bis 1910, ein Klassiker der europäischen Literatur. Nexö erzählt Pelles Leben von der Kindheit bis zum Tod, „den langen, ja endlosen Weg, den ein Arbeiter in der Welt auf seiner oft unbewußten Reise zum Licht zurücklegt.“ Bille Augusts Verfilmung beschränkt sich auf die Kindheit. Die Vorgeschichte des Films ist ein Lehrstück über die Produktionsbedingungen im europäischen Kino. Der Film sollte fünfzig Millionen Kronen kosten, aber eine Koproduktion mit Kanada scheiterte daran, daß die Kanadier die Geschichte in englischer Sprache gedreht sehen wollten. Am Ende blieb ein Viertel der Summe. Also nicht die lange Reise zum Licht, sondern der kurze Weg von Schweden nach Dänemark.

Die Ärmlichkeit der Mittel kompensiert „Pelle“ durch den Reichtum an Episoden, die den Film aber eher noch ärmer, zerfahrener, kleinteiliger machen. Die Schauspieler, Pelle Hvenegaard als Pelle und Max von Sydow als Lasse, sind großartig, Regie und Kamera aber halbherzig. Der Film hat über weite Strecken kein Zentrum, er entfernt sich von seiner Hauptfigur in dem Maße, wie er episch breit, historisch wahrhaftig sein will. Der kurze Weg zur schnellen Rührung führt oft ins Beliebige. Als Pelle seinem Spielkameraden Rud, einem Bastard des Gutsbesitzers, ein Geldstück anbietet, wenn er dem anderen als Gegenleistung fünfzig Rutenschläge über den nackten Rücken ziehen darf, ist das ein großer, entscheidender Augenblick, der Moment, in dem der underdog Pelle sich an einem, der noch tiefer steht, Revanche verschafft; aber Bille August inszeniert die Szene fast idyllisch, wie nebenbei. So geht vieles unter in den Wiesen, Weiden und Mooren, die den Gutshof umschließen.

„Pelle der Eroberer“ ist, leider, nur ein Bilderbogen aus dem neunzehnten Jahrhundert; zum Epos hat es nicht gereicht. Bille Augusts „Es war einmal in Dänemark“ und Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“: Das ist, immer noch, ein Unterschied ums Ganze.

In Cannes hat „Pelle“ im letzten Jahr die Goldene Palme gewonnen; als würde das etwas helfen in einer Kinobilderwelt, die von der schnellen, schlüssigen, amerikanischen Wahrnehmung geprägt ist. Gewiß, man muß diesen Film, wie viele andere auch, „retten“ und verteidigen gegen die Meister aus Hollywood. Aber daß man ihn überhaupt verteidigen muß, ist traurig genug, und es bringt die Situation Europas auf den Punkt. Andreas Kilb