Gibt es doch zwei deutsche Literaturen? Christoph Hein, der Schriftsteller aus der DDR, hat im vergangenen Jahr in einem Interview davon gesprochen, „daß man, spätestens beginnend mit meiner Generation, schon von zwei verschiedenen Literaturen sprechen muß“. Das sei bei Anna Seghers und Heinrich Böll, bei Hermann Kant und Günter Grass – der gemeinsamen historischen Erfahrung wegen – noch anders gewesen; bei einem Mann wie Botho Strauß und ihm hingegen sei nichts mehr austauschbar: Strauß und andere im Westen „schreiben eine Literatur, die völlig verschieden ist von der Literatur, die in der DDR entsteht“.

Das Benennen, das Schreiben sei noch nicht der verändernde Zugriff auf die Welt, hat Hein schon zuvor in einem Aufsatz geschrieben, „aber es ist die erste Voraussetzung aller Veränderung“. In der Tat: das kann, mit diesem Hoffnungston, in den achtziger Jahren wohl nur ein deutscher Autor des Jahrgangs 1944 sagen, wenn er in der DDR lebt. Und hat Christoph Hein nicht recht? Lassen sich nicht in seinem Staat derzeit Veränderungen, Lockerungen, neue Freiheiten erwarten, zumindest erhoffen? Im übrigen waren die Schriftsteller der DDR dem Wechsel der intellektuellen Trends und Moden nie so ausgesetzt wie ihre Kollegen im Westen: Sie trauen der Literatur noch etwas zu – und werden von ihren Lesern darin bestärkt.

Nun ist Christoph Hein alles andere als naiv. In seiner aufsehenerregenden Rede gegen die Zensur, im kleinen Kreis vorgetragen während des X. Schriftstellerkongresses der DDR im November 1987 (und nachgedruckt in der ZEIT vom 4. 12. 1987), hat er der Presse seines Staates ironisch Dank abgestattet: Die Zeitungen der DDR seien dermaßen angepaßt und uninformativ, daß man sich täglich höchstens ein paar Minuten mit ihnen zu beschäftigen habe. „Der Leser wird durch Neuigkeiten nur für kurze Zeit abgelenkt und kann sich dann wieder unseren Büchern zuwenden, von denen er nicht nur Unterhaltung und Geschichten, sondern auch Neues und Wahres erhofft.“ Das war nicht nur als frohe Botschaft gemeint: Hein wies in seiner Rede auch auf die Probleme hin, die sich für die Schriftsteller der DDR aus dieser Erwartung ergeben. „Literatur kann und soll und darf nicht Ersatz von Publizistik sein.“ Aber er weiß: sie ist es immer noch.

Die Nacht und das Morgen-Grauen

Ein Mann wird aus dem Gefängnis entlassen. Wenn ein Roman so anfängt, läßt das selten etwas Gutes erwarten. Bei Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“) schloß sich der Held schon bald einer Bande an und wurde zum Zuhälter, bei Patricia Highsmith („Die gläserne Zelle“) brachte er einen Freund um, der ein Verhältnis mit der Ehefrau begonnen hatte, während der Mann einsaß. In Christoph Heins Roman „Der Tangospieler“ scheint die Rückkehr in die Normalität besser zu gelingen. Hans-Peter Dallow, dem 36 Jahre alten Dozenten für Geschichte, der 21 Monate in einem Gefängnis der DDR zugebracht hat, steht der Sinn nicht nach Rache (das wird sich für einen kurzen Augenblick jäh ändern). Er will die Sache so schnell wie möglich vergessen.

DDR, Anfang 1968: es ist kalt, das Frühjahr hat noch nicht recht begonnen. Der Herbst ist weit weg, mit ihm wird das Buch enden. Dallow fährt durch die Stadt, sein Auto hat die lange Wartezeit in der Garage gut überstanden, und dessen Bereitschaft tröstet den Helden. Den Menschen nähert er sich nur ganz behutsam. Nicht einmal bei seinen Eltern meldet er sich. Niemand klopft bei ihm an. Ein Ehepaar aus der Nachbarschaft, bei dem er vor der Haft gelegentlich zu Besuch war und das inzwischen noch ein Kind bekommen hat, ist äußerst zurückhaltend. Sylvia, die ehemalige Studentin, die ihm Avancen gemacht hatte, ist nun mit Roessler zusammen, jenem Mann, der an der Universität seinen Platz eingenommen hat. Dallow versucht, nichts davon an sich herankommen zu lassen.

Er nutzt für sich die sexuelle Libertinage am Ende der sechziger Jahre – die es, wenn man der Literatur trauen darf, auch im anderen deutschen Staat gegeben hat. Dallow jedenfalls praktiziert zunächst ausgiebig, was bei uns kurz und bundig one-night-stand heißt: jeweils nur für eine Nacht, am liebsten nicht einmal bis zum Morgen-Grauen, das Bett mit einer Frau zu teilen.