Das Genre der Biographie genießt bei uns nur geringes Ansehen, insbesondere die Biographie von Kulturheroen "Biographien berühmter Autoren sind oft eine Quadratur des Kreises", las ich kürzlich bei einer hochkonservativen literarkritischen Dame "Sind sie spannend, führen sie vom Werk fort, sind sie es nicht, dann erst recht Das Werk nämlich, so verlangen es die Vorschriften der deutschen Tradition, die Kommunion, die im Werk der wahre Leser mit dem Autor feiert, ist das höchste Ziel, von dem alles andere als weltliches Getöse, als Klatsch und Tratsch, nur ablenkt.

In England ist das bekanntlich anders. Dort bildet, spätestens seit Dr. Johnsons "Lives of the Kulturheroen ein festes Terrain. England, du hast es besser. Die Lebensgeschichte von Dichtern, Malern, Musikern, Philosophen wird nicht a priori ausgeschieden, weil ihre Untersuchung, so verstehe ich die konservative Dame, doch nicht erklären könne, wie es zum Werke kam; das, der deutschen Tradition zufolge, als Naturwunder zu bestaunen ist.

Die unerschütterlich empiristischen Engländer würden dagegen einwenden, daß man unmöglich a priori wissen kann, welche Aufschlüsse am Werk die biographische Untersuchung zu bieten vermag. So verdanken wir der vielgerühmten Proust Biographie von George D. Painter (1959 65) die Entdeckung, daß der Meister die "Recherche du temps Kunstphilosophie angefertigt hat, die er im Buch selber darlegt: Die berühmte Weißdornhecke hat er nicht aus der poetischen Substanz der Kindheit, wie sie das memoire involontaire schockhaft vergegenwärtige, hergestellt; im Gegenteil, Proust ließ sich von Freunden in die Umgebung von Paris chauffieren und studierte die Weißdornhecke ad hoc, zum Zwecke der Beschreibung.

Und? könnte die literarkritische Dame, vornehm lächelnd, einwenden, was sagt uns das im Hinblick auf Prousts Werk?

Nun, immerhin kann uns Painters Entdeckung vom einfachen Nachbeten abhalten.

Darum geht es nämlich bei jener Kommunion, die, nach den Vorschriften der deutschen Kunstreligion, der wahre Leser mit dem Autor im Werk vollziehen soll, um einen Akt der Frömmigkeit. Wir sind immer noch mit dem Geniekult befaßt, dem die Biographie nicht so ohne weiteres dienen kann, weil sie viel Kontingenz zutage fördert, das Durcheinander des Lebens, aus welchem das Werk entstanden ist — nein, eben nicht, insistiert die Dame, insistiert der Geniekult, zwischen Leben und Werk gibt es einen unerklärlichen Sprung.

Aber einen solchen Sprung, hat sich jetzt eine jüngere Dame mit einem noch überlegeneren Lächeln eingeschaltet, gibt es doch immer wieder auch innerhalb des Lebens selber. Ist nicht überhaupt die Einheit des Lebens, wie sie schon von der Form der Biographie hergestellt wird, oft genug das Unwichtigste daran?

Vermag die Biographie wirklich das Durcheinander darzustellen? Sind dazu nicht gewisse Formen des diskontinuierlichen Romans weit besser geeignet? Ist Identität der Person, woran die Biographie festhalten muß, nicht eine jener lebensfeindlichen und ideologischen Fiktionen, die immer wieder bekämpft werden müssen? Seit Nietzsche Seit Nietzsche sind wir mit einem ebenso emphatischen wie diskontinuierlichen Konzept von "Leben" vertraut, und ich bin, nicht unelegant, wie Sie zugeben müssen, bei der Biographie Nietzsches gelandet, die Joachim Köhler, Kulturredakteur des stern, jetzt veröffentlicht hat, ein Buch, das sich durch seinen Umfang wie durch seine Aufmachung als Monument inszeniert, ohne aber, wenn ich richtig sehe, mit den NietzscheBiographien von Gurt Paul Janz (1978) oder Werner ROSS (1980), die es dankbar ausbeutet, im Ernst konkurrieren zu wollen. Köhler verfolgt nur einen einzigen Gedanken.

Zarathustras Geheimnis, Köhler verrät es uns schon im Vorwort, ist Nietzsches Homosexualität, derer er in Italien inne wurde; die er in Italien ohne Schuldgefühl zu praktizieren begann, woraus sich sein streunendes Reisen in dem Land erklärt. "Gen Italien!", hat uns Sigmund Freud gelehrt, laute die unbewußte Parole der deutschen Sehnsucht nach diesem Land in zahllosen Fällen; und K R. Eissler, einer der letzten von Freuds treuen Schülern, hat uns in seiner grandiosen GoetheBiographie (1963), deren deutsche Übersetzung vor ein paar Jahren so verblüffend lebhaft begrüßt wurde, gezeigt, daß es in Rom war, wo unser Kulturheros mit 37 Jahren zum allerersten Male die Freuden zu genießen vermochte, welche der angemessene Gebrauch der Genitalien schenkt. Und weil wir nun schon einmal dabei sind, darf ich noch rasch auf ein Meisterstück der — englischen — Biographik hinweisen: "The Quest for gewissen Romanverfahren in nichts nachsteht, insofern es sich als Recherche nach den verschütteten Materialien einer Lebensgeschichte inszeniert. Am Anfang hat Symons beim Antiquar "Hadrian eines gänzlich unbekannten Autors — am Ende verfügt er über die ungedruckten Manuskripte dieses Frederick Rolfe, der sich Baron Corvo nannte, und, eine elende Existenz, sein Leben in Venedig beschloß, von wo aus er schwule Pornographie Briefe an Subskribenten verschickte, der süße Bengel und ich in der Gondel, was ihm den Lebensunterhalt aber auch nicht mehr sichern konnte — diese Briefe freilich hat Symons nicht veröffentlicht; erst ein nächster Corvo Biograph, Donald Weeks, hat sie 1971 mitgeteilt, und inzwischen ist Rolfe alias Corvo ein Lokalheiliger der Schwulenszene.

Das wird Nietzsche nach Köhlers Biographie wohl nicht werden. Köhler hat solche Briefe nicht entdeckt, und er hat mich mit seinem ausschweifenden Buch auch nicht durch Indizienbeweise davon überzeugen können, daß Nietzsche in Italien als praktizierender Homosexueller zu leben und so die amoralische, wahrheitsunabhängige Intensität des Lebens zu preisen gelernt hat.

Nach der deprimierenden Lektüre von Köhlers Buch neige ich zu der Ansicht, daß Nietzsche, und zu solchen klaren Formulierungen muß eine biographische Untersuchung, die das Sexualleben ihres Helden zum Leitfaden nimmt, dann schon vordringen: Ich neige zu der Ansicht, daß Nietzsche zeit seines Lebens ein Onanist gewesen ist, der in Italien gelernt haben mag, daß sein bescheidenes, durch Angst zerrüttetes Vergnügen ein wenig gesteigert werden konnte, wenn er sich in actu oder in der Imagination die schönen nackten Knaben an Genueser oder sizilianischen Stranden vor Augen führte.

Deprimierend ist Köhlers Buch zum einen, weil Nietzsches Leben so deprimierend ist, das Elternhaus, die Krankheiten, die Mißerfolge, der widerliche Richard Wagner samt Cosima, das Streunen; ein Elend, das durch die hochfahrenden Schriften, das narzißtische Getöse, das sie verbreiten, die neckischen Maskeraden und Versteckspiele, in denen sich ein Autor feiert, dem kaum jemand zuhört, zum Verschwinden gebracht werden soll, aber eigentlich erst richtig herausgearbeitet wird. "Der Wille zur Macht": Es gibt kaum eine triftigere Formel für Impotenz, Ohnmacht, Lähmung; Freud hätte, aus der psychoanalytischen Praxis mit seinen Hysterikerinnen, gut einen "Willen zur Sexualität" postulieren können, an dem es jenen mangele — Daß die Elendsgestalt Nietzsche im religiösen Größenwahn endet, Dionysos und der Gekreuzigte in einem, wäre als Aufgipfelung noch zu ertragen, hätte Schwester Elisabeth, das Scheusal, nicht den kranken Mann zum Propheten, der an der Kraft seiner eigenen Vision erblindet, umzustilisieren vermocht, so daß er zu einem Kirchenvater des Deutschen Geistes wurde sowie zum Vorläufer einer anderen Elendsgestalt, die Rettung in der Propheten, ja Messiasrolle suchte, Hitler.

Deprimierend ist die Lektüre von Joachim Köhlers Buch zum zweiten, weil sich der Autor durchgehend um einen sound bemüht, den man in Illustriertenredaktionen "flockig" nennt, eine spöttische Überlegenheitsrede, mit der Köhler wohl Heinrich Heine nachgeahmt haben möchte, dessen Gemeinheiten gegen den schwulen Platen er genüßlich zitiert.

Ich bin nicht der Meinung, daß über Nietzsche spöttisch zu schreiben verboten sein sollte. Das Problem ist die Darstellungsökonomie. Ich öffne noch einmal meine große Kiste mit den englischen Exempla classica und hole Lytton Stracheys "Emiknappen 270 Seiten (in der Penguin Ausgabe), das vier biographische Studien über Heroen der eben vergangenen Epoche enthält und immer noch vorbildlich ist, wenn es darum geht, wie man das delung. Die dickleibigen Biographien, mit denen in den zwanziger Jahren Emil Ludwig dasselbe auf deutsch zu betreiben versuchte — seine Biographie von Wilhelm II hat Herbig 1976 noch einmal herausgebracht und bald verramscht —, leiden gründlich daran, daß man nicht spöttisch und weitschweifig zugleich sein kann.

Köhler freilich wird, insbesondere, wenn es um die genitalienischen Freuden und ihre Offenbarungskraft geht, zuweilen auch lyrisch fromm; und im letzten Teil des Buches, wo "Also sprach Zarathustra" en deetail durchinterpretiert wird, kommt noch das Germanistische als Stilgeste hinzu, was eine Mischung ergibt, die es mir wirklich sauer gemacht hat, mit dem Buch zu Ende zu kommen.

Reden wir noch ein bißchen über Nietzsche selber, freihändig gewissermaßen?

Die zweite, die jüngere Dame, die sich für die Kritik des Identitätsprinzips begeistern kann, dife er geleistet habe, (es ist unfruchtbar, mich als ein und denselben in meiner Geschichte und meinen Gedanken zu verfolgen, wenn nicht totalitär), sie verkörpert den neuesten Stand von Nietzsches Wirkungsgeschichte, wiederum einen "linken" Nietzsche, der sich in den siebziger Jahren plötzlich gebildet hatte und auf den niemand gefaßt gewesen war.

In meiner Familie hatte er, obwohl sie kleinbürgerlich ist und in ihrem Bücherschrank ein Zarathustra aus dem einschlägig bekannten AlfredKröner Verlag stand, keine Anhänger; der Zarathustra war, bevor ich kam, ungelesen. In meiner Kindheit, in den mittleren und späten vierziger Jahren, trat zuweilen ein sadistischer Onkel auf, der das Kind in außerordentlich schmerzhafte Fingerspiele verwickelte, wobei er genüßlich grinsend Nietzsche zitierte, gelobt sei, was hart macht. Seitdem habe ich eine genaue Vorstellung vom "rechten" Nietzsche und davon, wie er als Kirchenvater des Deutschen Geistes zur Deutschen Katastrophe beigetragen hat — nun, das ist natürlich übertrieben, aber besonders einladend war es als Nietzsche Grundkurs nicht. Und eine prägnante Vorstellung von dem, was "rechts" sei, gab es in der Tat.

Dann aber war Nietzsche komplett verschwunden. In den fünfziger Jahren war der Junge Mensch mit Camus oder mit Sartre befaßt — seine Lehrer suchten ihn auf Jaspers oder Gabriel Marcel abzulenken. Und in den Sechzigern war dann die Frankfurter Schule dran; wieviel die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno sowie Adornos "Minima Moralia" Nietzsche verdanken — letzteres Buch schon formal —, das war mir komplett verborgen. Jürgen Habermas galt als vorbildlicher Stilist; Nietzsches Gestus dagegen ähnelte dem wilhelminischen Sperrmüll, der zuweilen an den Straßenrändern lag; ganz zu schweigen vom Faschismus Verdacht, der aus seiner Wirkungsgeschichte nie zu streichen sein wird.

Und dann, in den Siebzigern, als sich die WGs mit dem Sperrmüll gemütlich ausstaffiert hatten, war auch Nietzsche wieder da, ein "linker" Nietzsche, wie gesagt, mit dem die intellektuellen Kader der sogenannten Sponti Fraktion gegen den Holzschnittmarxismus der K Gruppen, das Märtyrertum der RAF, aber auch Helmut Schmidts "Modell Deutschland" in den Kampf ziehen konnten. Dieser "linke" Nietzsche war natürlich auch ein Ergebnis seiner französischen Lektüre, die in der Gestalt Michel Foucaults sogar am Westberliner Tunix Kongreß von 1977 teilnahm.

Trotzdem, ich bleibe dabei, mir ist Freud lieber. Zum einen deshalb, weil mir, wenn es um irgendeine Idee des "Lebens" gehen soll, das die Reflexion überschreite, an Sexualität zu denken näher liegt als an Macht (und der Franzose Georges Bataille hat in diesem Sinne Nietzsche an Freud zurückgebunden). Ich halte es für eines der deutschen Verhängnisse, daß Schopenhauers Konzept des "Willens" im weiteren Verlaufe der Begebenheit aufgespalten wurde in Nietzsches Konzept der (sexualfreien) Macht, die den deutschen Mandarinen sowie Staatsbeamten Wohlgefallen konnte, und in Freuds Konzept der sexuellen Libido, das von den Mandarinen sowie Staatsbeamten schon mal als typisch jüdische Schmutzphantasie denunziert werden konnte. Zweitens, jetzt geht es um das überlegenere Lächeln der jüngeren Dame. Mir ist stets verdächtig gewesen, daß Nietzsche seine willkommen destruktiven Einsichten in den Allmachtswahn des Subjekts, in den narzißtischen Charakter der gesamten Subjektphilosophie mit einem Triumphgeheul zu begleiten pflegt, das in der überlegenen Mimik seiner jüngsten Adepten noch nachwirkt. Dies Geheul nämlich lehrt, daß die Einsicht in den Narzißmus (der anderen) bloß dem (eigenen) Narzißmus dient, also gar keine Einsicht ist. Ein vergessener Freud Schüler der ersten Generation, Isidor Sadger, hätte an dieser Stelle mit strenger Miene bemerkt, Nietzsches Stilgestus erkläre sich aus seiner onanistischen Sexualkonstitution. Mag sein. Leider verfügt Joachim Köhler nicht über die Kompetenz, hierzu biographisch irgend etwas Nützliches beizutragen.

l Joachim Köhler:

Zarathustras Geheimnis Friedrich Nietzsche und seine verschlüsselte Botschaft; Greno, Nördlingen 1989; 752 S , Abb , 69 - DM