Vermag die Biographie wirklich das Durcheinander darzustellen? Sind dazu nicht gewisse Formen des diskontinuierlichen Romans weit besser geeignet? Ist Identität der Person, woran die Biographie festhalten muß, nicht eine jener lebensfeindlichen und ideologischen Fiktionen, die immer wieder bekämpft werden müssen? Seit Nietzsche Seit Nietzsche sind wir mit einem ebenso emphatischen wie diskontinuierlichen Konzept von "Leben" vertraut, und ich bin, nicht unelegant, wie Sie zugeben müssen, bei der Biographie Nietzsches gelandet, die Joachim Köhler, Kulturredakteur des stern, jetzt veröffentlicht hat, ein Buch, das sich durch seinen Umfang wie durch seine Aufmachung als Monument inszeniert, ohne aber, wenn ich richtig sehe, mit den NietzscheBiographien von Gurt Paul Janz (1978) oder Werner ROSS (1980), die es dankbar ausbeutet, im Ernst konkurrieren zu wollen. Köhler verfolgt nur einen einzigen Gedanken.

Zarathustras Geheimnis, Köhler verrät es uns schon im Vorwort, ist Nietzsches Homosexualität, derer er in Italien inne wurde; die er in Italien ohne Schuldgefühl zu praktizieren begann, woraus sich sein streunendes Reisen in dem Land erklärt. "Gen Italien!", hat uns Sigmund Freud gelehrt, laute die unbewußte Parole der deutschen Sehnsucht nach diesem Land in zahllosen Fällen; und K R. Eissler, einer der letzten von Freuds treuen Schülern, hat uns in seiner grandiosen GoetheBiographie (1963), deren deutsche Übersetzung vor ein paar Jahren so verblüffend lebhaft begrüßt wurde, gezeigt, daß es in Rom war, wo unser Kulturheros mit 37 Jahren zum allerersten Male die Freuden zu genießen vermochte, welche der angemessene Gebrauch der Genitalien schenkt. Und weil wir nun schon einmal dabei sind, darf ich noch rasch auf ein Meisterstück der — englischen — Biographik hinweisen: "The Quest for gewissen Romanverfahren in nichts nachsteht, insofern es sich als Recherche nach den verschütteten Materialien einer Lebensgeschichte inszeniert. Am Anfang hat Symons beim Antiquar "Hadrian eines gänzlich unbekannten Autors — am Ende verfügt er über die ungedruckten Manuskripte dieses Frederick Rolfe, der sich Baron Corvo nannte, und, eine elende Existenz, sein Leben in Venedig beschloß, von wo aus er schwule Pornographie Briefe an Subskribenten verschickte, der süße Bengel und ich in der Gondel, was ihm den Lebensunterhalt aber auch nicht mehr sichern konnte — diese Briefe freilich hat Symons nicht veröffentlicht; erst ein nächster Corvo Biograph, Donald Weeks, hat sie 1971 mitgeteilt, und inzwischen ist Rolfe alias Corvo ein Lokalheiliger der Schwulenszene.

Das wird Nietzsche nach Köhlers Biographie wohl nicht werden. Köhler hat solche Briefe nicht entdeckt, und er hat mich mit seinem ausschweifenden Buch auch nicht durch Indizienbeweise davon überzeugen können, daß Nietzsche in Italien als praktizierender Homosexueller zu leben und so die amoralische, wahrheitsunabhängige Intensität des Lebens zu preisen gelernt hat.

Nach der deprimierenden Lektüre von Köhlers Buch neige ich zu der Ansicht, daß Nietzsche, und zu solchen klaren Formulierungen muß eine biographische Untersuchung, die das Sexualleben ihres Helden zum Leitfaden nimmt, dann schon vordringen: Ich neige zu der Ansicht, daß Nietzsche zeit seines Lebens ein Onanist gewesen ist, der in Italien gelernt haben mag, daß sein bescheidenes, durch Angst zerrüttetes Vergnügen ein wenig gesteigert werden konnte, wenn er sich in actu oder in der Imagination die schönen nackten Knaben an Genueser oder sizilianischen Stranden vor Augen führte.

Deprimierend ist Köhlers Buch zum einen, weil Nietzsches Leben so deprimierend ist, das Elternhaus, die Krankheiten, die Mißerfolge, der widerliche Richard Wagner samt Cosima, das Streunen; ein Elend, das durch die hochfahrenden Schriften, das narzißtische Getöse, das sie verbreiten, die neckischen Maskeraden und Versteckspiele, in denen sich ein Autor feiert, dem kaum jemand zuhört, zum Verschwinden gebracht werden soll, aber eigentlich erst richtig herausgearbeitet wird. "Der Wille zur Macht": Es gibt kaum eine triftigere Formel für Impotenz, Ohnmacht, Lähmung; Freud hätte, aus der psychoanalytischen Praxis mit seinen Hysterikerinnen, gut einen "Willen zur Sexualität" postulieren können, an dem es jenen mangele — Daß die Elendsgestalt Nietzsche im religiösen Größenwahn endet, Dionysos und der Gekreuzigte in einem, wäre als Aufgipfelung noch zu ertragen, hätte Schwester Elisabeth, das Scheusal, nicht den kranken Mann zum Propheten, der an der Kraft seiner eigenen Vision erblindet, umzustilisieren vermocht, so daß er zu einem Kirchenvater des Deutschen Geistes wurde sowie zum Vorläufer einer anderen Elendsgestalt, die Rettung in der Propheten, ja Messiasrolle suchte, Hitler.

Deprimierend ist die Lektüre von Joachim Köhlers Buch zum zweiten, weil sich der Autor durchgehend um einen sound bemüht, den man in Illustriertenredaktionen "flockig" nennt, eine spöttische Überlegenheitsrede, mit der Köhler wohl Heinrich Heine nachgeahmt haben möchte, dessen Gemeinheiten gegen den schwulen Platen er genüßlich zitiert.

Ich bin nicht der Meinung, daß über Nietzsche spöttisch zu schreiben verboten sein sollte. Das Problem ist die Darstellungsökonomie. Ich öffne noch einmal meine große Kiste mit den englischen Exempla classica und hole Lytton Stracheys "Emiknappen 270 Seiten (in der Penguin Ausgabe), das vier biographische Studien über Heroen der eben vergangenen Epoche enthält und immer noch vorbildlich ist, wenn es darum geht, wie man das delung. Die dickleibigen Biographien, mit denen in den zwanziger Jahren Emil Ludwig dasselbe auf deutsch zu betreiben versuchte — seine Biographie von Wilhelm II hat Herbig 1976 noch einmal herausgebracht und bald verramscht —, leiden gründlich daran, daß man nicht spöttisch und weitschweifig zugleich sein kann.