Ebenso wie seine Zeit hatte auch der Architekt Hans Poelzig (1869 in Berlin geboren und 1936 dort gestorben) eine Schwäche für imposante, das Gemeinschaftsgefühl steigernde Hallen. Eine hatte er bauen und damit berühmt werden dürfen: das Große Schauspielhaus in (Ost-)Berlin, Reinhardts „Theater der Fünftausend“, einen runden Saal mit einer gestuften Stalaktitendecke – einen orientalischen Märchenpalast. Die anderen Hallen blieben allesamt Vision: die für Moskau und Charkow, die für Istanbul, Salzburg und Berlin, riesige Theater-, Versammlungs- und Sportpaläste, wie die Sporthalle am Funkturm einer war, gedacht für beinahe zwanzigtausend Menschen.

Aufmerksamkeit erregt dieser, dem Alter nach weder zu den eigenwilligen, revolutionären Alten (wie Wright, van de Velde, Gaudi) noch zu den stürmischen Jungen (wie Mies, Gropius, Taut) gehörende „Unzeitgemäße“ (wie Wolfgang Pehnt ihn nennt) gerade wieder, nicht wegen seines hundertzwanzigsten Geburtstages am 30. April, sondern wegen eines abenteuerlichen, von manchen sogar sensationell genannten Fundes von über tausend Zeichnungen und Plänen. Sie waren den Renovierern des Hamburger Bahnhofs in Berlin 1986 in die Hände gefallen. Dieser Bahnhof, der schon 1906 stillgelegt und zum preußischen „Verkehrs- und Baumuseum“ gemacht worden war (und jetzt für Ausstellungen von Gegenwarts-Kunst genutzt wird), beherbergte damals auch das gesamte Planarchiv der Technischen Universität (West). Als die Hochschule 1946 ihren Schatz vor der Reichsbahn (Ost), dem neuen Hausherrn, sicherte, übersahen die Packer gut ein Drittel des umfangreichen Poelzig-Nachlasses. Nun – geborgen, restauriert, wissenschaftlich bearbeitet – zeigt ihn das neue Berliner „Museum für Verkehr und Technik“ in der Trebbiner Straße. Unter den 51 Projekten die dargestellt sind, befinden sich acht, die bisher ganz unbekannt oder falsch zugeordnet worden waren.

Man besucht hier, selbstverständlich, eine Zufallsversammlung (die im Flur mit einer Übersicht kompensiert wird). Man bekommt dennoch ein charakteristisches Bild von diesem fleißigen, erstaunlich kreativen Architekten, der weder ein Eklektizist noch ein Regionalist, aber auch kein puristischer Moderner war, sondern ein vorwärts schauender, sich seiner Kunst sehr bewußter Traditionalist, in dessen Entwürfen sich Zweckmäßigkeit und Expressivität mühelos vereinen. Man sieht – gut ausgewählt, geschickt geordnet, in jedem der fünf, sechs Räume mit wenigen Sätzen klug kommentiert – Arbeiten von den frühen Breslauer bis zu seinen letzten Berliner Jahren, als die Nazis ihn ihre Mißgunst spüren ließen: Landhausen, Fabriken und Kirchen, Bank- und Geschäftshäuser, Regierungs- und Kulturgebäude. Man bewundert die ausdrucksvollen Gebärden dieser unaufdringlich selbstbewußten, schweren, auch romantischen, immer präzise durchgearbeiteten Architektur in den wundervollen Kohle- und Bleistiftzeichnungen.

Dem jungen Architekturhistoriker Matthias Schirren ist da nicht nur eine in sich ausgewogene, unangestrengt informierende Ausstellung geglückt, sondern auch ein vortrefflicher Katalog. (Bis zum 2. April; danach in Frankfurt und München; Katalog 40 Mark) Manfred Sack