Einiges spricht dafür, daß sich die Union am Modell von Niedersachsen orientiert. Die Lage der Union ist ähnlich desolat, und ähnlich wie damals scheint der Kanzler begriffen zu haben, daß ein Signal der Handlungsfähigkeit notwendig ist; das Kabinett soll "nicht in grauer Zukunft, sondern sehr bald" umgebildet werden. Anders jedenfalls läßt sich die deprimierte CDU kaum mehr hinreichend für den Wahlkampf mobilisieren.

Allerdings läßt sich die Europawahl nicht so einfach zur Reprise der Niedersachsen-Entscheidung machen, ganz abgesehen von dem Risiko das eine solche Dramatisierung enthält. Die Niedersachsen wählten ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl, zwischen der Europa- und der Bundestagswahl liegen anderthalb Jahre. Manche in der Union zögern, schon jetzt (und mit Kohl) alles auf eine Karte zu setzen; vielleicht könnte eine Kabinettsumbildung (möglicherweise mit einem neuen Kanzler) ja auch notwendig werden, um den Schock der Europawahl aufzufangen. In Niedersachsen waren trotz knapper Ergebnisse Sieger und Besiegte eindeutig festzustellen, bei der Europawahl aber wird niemand in seinem Amt bestätigt oder abgewählt. Und schließlich, das macht den Unterschied aus, waren die Rechtsparteien damals noch eine unbedeutende Randerscheinung.

Die Europawahlen haben ihre eigenen, besonderen Bedingungen. Hand aufs Herz: Wer kennt die Spitzenkandidaten der Parteien? Ein Personalplebiszit gibt es da jedenfalls nicht. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß hier nach Parteisympathie abgestimmt wird, daß Denkzettel verabreicht werden und daß die Wähler für Experimente offen sind. Bei der letzten Europawahl (1984) haben die Grünen (8,2 Prozent) endgültig ihren nationalen Durchbruch geschafft. Die sogenannten "etablierten" Parteien mußten allesamt Verluste hinnehmen, und die fielen durch die relativ niedrige Wahlbeteiligung (57 Prozent) besonders deutlich aus.

Für die CDU heißt dies: Sie muß sich nicht nur wie beim letzten Mal um die Nichtwähler Sorgen machen; sie muß, anders als 1984, auch die Protestwähler fürchten. Wie damals die Grünen, so werden jetzt die rechtsextremen Parteien, Republikaner und Deutsche Volksunion – Liste D, versuchen, bei der Europawahl den nationalen Durchbruch zu erreichen, vor allem auf Kosten der Union. Und während die Bonner Koalitionsparteien ebenso wie die SPD entsprechend ihrer Tradition europäisch argumentieren müssen, werden die Rechtsextremen dumpfe europäische Ängste und nationale Borniertheit ansprechen – etwa nach dem Motto der Liste D: Deutsches Geld ist für die Ausländer und für Europa zu schade.

Europa, so scheint es auf den ersten Blick, schreckt die Wähler eher ab. Weit zurück liegen die Jahre der Europa-Enthusiasten. Immerhin noch 1979, bei der ersten Wahl, klang Europa freundlich und zukunftsträchtig. Vergangen auch ist die Zeit, da Europa mit Desinteresse betrachtet wurde; die zweite Europawahl 1984 ist vor allem deshalb in Erinnerung, weil es den Parteien damals gelang, ihre leer gewordenen Kassen zu füllen. Jetzt scheint die Erkenntnis zu gelten, wie sie kürzlich in einem Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung formuliert wurde: "Die Zustimmung zur westeuropäischen Einigung ist in der Bundesrepublik zurückgegangen"; es grassiere der "Euro-Frust".

Diese Meinung wird durch eine Serie von Umfragen gestützt. Das Allensbacher Institut zum Beispiel hat festgestellt, daß erheblich weniger Bürger als früher den Zusammenschluß der westeuropäischen Staaten zu einem vereinigten Europa für besonders wichtig halten (1985: 45 Prozent, Ende 1988: 25 Prozent). Auch das Ja zur Beschleunigung der europäischen Einigung klingt schwächer. Diese Trends, seit langem von vielen Instituten gemessen, sind nicht zu bezweifeln. Aber was bedeuten sie? Läßt sich daraus auf eine wachsende Aversion gegenüber Europa schließen, oder sieht das Europa, das die Bürger vor Augen haben, heute anders aus als früher?

Das Bild wird schon etwas differenzierter, wenn man sich die Antworten auf die etwas konkretere Frage ansieht, ob der europäische Markt eher Hoffnungen oder Befürchtungen wecke. Vor der deutschen Präsidentschaft und dem Gipfel in Hannover überwogen die Befürchtungen deutlich, danach ebenso deutlich die Hoffnungen. Und Frau Noelle-Neumann knüpfte an diese Erfahrung die Frage: "Wann schlägt die Stimmung das nächste Mal um?"