Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im März

Plötzlich vermißt jemand einen Fernseher: "Schon zwei nach acht, jetzt kommen die ersten Ergebnisse, ein Königreich für einen Fernseher." Ringsum bricht Verzweiflung aus, zwei drücken sich die Ohren am Transistorradio platt, während ein ganz Schlauer hinter den Regalen ein Minitel-Bildschirmtextgerät hervorzieht und Verbindung sucht mit dem Rest von Frankreich. Telephone klingeln um die Wette: "Alle herhören, das Ergebnis der Stadt Dole, wo unsere Liste von 13,1 auf 13,4 Prozent klettert, das gibt drei Stadträte." Allenthalben Jubel, wohl auch im fernen Dole. Dabei haben die Grünen dort Glück, ihren Erfolg so früh melden zu können. Denn in ihrer nationalen Wahlzentrale wird in dieser Nacht des größten Parteierfolges bald nur noch von 18, 20 Prozent an aufwärts gejubelt. Ein bißchen verloren harrt ein schmächtiger Mann mit Vollbart der Dinge; seine Spannung weicht erst spät dem Unglauben und wird zur Freude: Jean-Louis Vidal wird als erster Grüner in das Pariser Stadtparlament einziehen.

"Wir sind keine Partei wie die anderen", versucht Sprecher François Berthout die Grünen zu beschreiben. Sie sind es in der Tat nicht. Dennoch sind sie dabei, eine richtige Partei zu werden. Noch vor einer Woche mischte sich Skepsis in die Überraschung der Kommentatoren und Konkurrenten angesichts des landesweiten Aufblühens der Grünen im ersten Wahlgang der französischen Gemeindewahl. Wer wußte schon, ob dies nicht eine Scheinblüte würde, welk schon im zweiten Wahlgang, wenn die Wähler gewohnheitsmäßig ihre Stimme lieber den großen Parteien geben, die sie im ersten Wahlgang noch mit Stimmabgabe für die Kleinen straften, und wenn die kleinen Parteien am Ort erfahrungsgemäß ihr bißchen Einfluß für ein paar sichere Listenplätze bei den Großen eintauschen.

Doch genau das galt diesmal nicht. In 51 von 56 Städten, in denen die Grünen das Quorum von zehn Prozent erreichten, traten sie auch im zweiten Wahlgang an. "Wir haben diese Gemeindewahl national bstimmt, und von dieser Richtlinie gab es kaum Abweichungen", erklärt Antoine Waechter die neue Strategie. Vor einem Jahr gewann er als grüner Präsidentschaftskandidat achtbare 3,78 Prozent der Stimmen. Seither ist der 40jährige Elsässer prominentester Parteisprecher: ein kühler, konzentrierter Mittelständler mit Schlips und kamerafreundlichem Anzug, der seine Umweltpolitik in eine klare, etwas technokratische Sprache faßt.

Mit diesem Doktor für Tierökologie, Leiter eines eigenen Umweltlabors, wechselten Frankreichs Grüne Stil und Strategie: Vorbei die hemdsärmelige Zeit der stadtflüchtigen Spät-68er; abgeschlossen die Phase, da der aussichtslose Kampf gegen die Kernenergie Lieblingsthema war; vorbei die Tage, als die zersplitterten écologistes dem Wahlsystemzwang zur Blockbildung nachgaben und in der letzten, entscheidenden Runde zähneknirschend zu den Sozialisten zurückfanden.

Mit seiner Linie der Unabhängigkeit setzte sich Waechter erst vor einem Jahr gegen den nach links offenen Bretonen Yves Cochet durch. Seither gilt der Elsässer als Fundamentalist: Unter französischem Vorzeichen nimmt das Wort genau den entgegengesetzten Sinn an, den es im Deutschen hat. Denn Waechter kehrt nicht nur den Sozialisten den Rücken, er schließt seine Tür auch vor den in Frankreich zahlreichen linksextremen Gruppen, die in der Bundesrepublik als Ökosozialisten Teil der Fundi-Fraktion sind. Den westdeutschen Fundis entspricht in Frankreich am ehesten die ökologisch-linksextreme Sammlungsbewegung des ausgeschlossenen kommunistischen Parteisprechers Pierre Juquin. Der aber findet vor Waechters Augen so wenig Gnade wie der Umweltstaatssekretär Brice Lalonde, 1981 noch Präsidentschaftskandidat der ökologischen Gruppen. Einmal geschlagen, verlor Lalonde sich auf der Linken des politischen Feldes, wo ihn schließlich die Sozialisten auflasen und in die Regierung Rocard holten.