San Francisco International Airport, an einem beliebigen Tag im August: Nach elf Stunden Direktflug von Frankfurt aus landet der Jumbo mit einer Verspätung von acht Minuten. Acht Minuten, die sind eigentlich zu verkraften, kein Problem. Wären der eigenen Maschine nur nicht eine Boeing 747 aus Tokio mit 430 Passagieren und eine DC 10 aus Rom mit über 300 Fluggästen zuvorgekommen. Die sind nämlich schon zu den Gepäckbändern geeilt und haben sich in die Warteschlangen für Zoll und Visakontrolle be- geben.

Pech gehabt, acht Minuten werden zu einer Ewigkeit von drei Stunden. Erkennbare Warteschlangen gibt’s bald nicht mehr. Eine Menschenrasse bewegt sich und ihr Gepäck unendlich langsam in Richtung Schalter. Die amerikanischen Beamten lassen sich davon nicht beeindrucken, ihre Ruhe und Amtsautorität ersticken Touristenaufstände im Keim. Zwischen den Wartenden wieseln schnuppernde Bassets umher. Ihre Aufgabe ist es, verbotene Einfuhrgüter wie Frischobst oder Quark zu entdecken. In Amerika gibt es entgegen allen Vorurteilen sogar anständiges Brot, nur keinen Magerquark. Manch hilfsbereite Stewardeß hat die Quarkschmuggler im Flugzeug noch mit einer schnüffelsicheren Folienverpackung für ihre Corpora delicti ausgestattet. Die Hunde, verwirrt von all den Gerüchen um sie herum, vertun sich häufig. So manches Handgepäck wird inmitten der Menschenmenge vor den gestrengen Beamten ausgebreitet, ohne daß etwas Verbotenes zutage träte.

Und was tun unsere deutschen Fernurlauber, gestern abend erst spät dem Schreibtisch entronnen, den Streß und die Müdigkeit in allen Gliedern, angesichts der menschenunwürdigen Behandlung? Sie nehmen den skandalösen Empfang in der Neuen Welt gelassen hin. Lächelnd, scherzend lassen sie es sogar zu, daß sich der eine oder andere eilige Tourist vordrängt. Sie äußern sich verständnisvoll über die langsamen amerikanischen Eehörden. Gern und geradezu dankbar erinnert sich einer, daß es letztes Jahr in New York wegen einer Gruppe afghanischer Einwanderer noch ein wenig länger gedauert hat als hier.

Auch mit den verbliebenen Italienern, die genervt auf ihren Wagen sitzen, versuchen sich einige Germanen in händeringender Konversation. Man ist eben Mensch von Welt, jedenfalls angesichts des amerikanischen Zolls. Dort angekommen, holen die Urlauber freundlich ihr bestes Englisch hervor. Ohne Murren öffnen ein paar Pechvögel ihre Koffer, ohne Murren packen sie sie aus und wieder ein.

Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt, drei Wochen später. Früh um sieben landet die Maschine aus San Francisco. Die Urlauber sind erholt, braungebrannt und voller Erinnerungen an kalifornische Erlebnisse. Über der Südspitze Grönlands haben sie gerade die Sonne binnen einer Stunde unter- und wieder aufgehen sehen, ein friedvoller Anblick.

Sie hasten zur Paßkontrolle, obwohl sie genau wissen, daß ihre Koffer das Förderband noch lange nicht erreicht haben. Der Grenzbeamte wirft einen gelangweilten Blick in den einen oder anderen Ausweis. Was diese schikanösen Kontrollen in der Frühe denn sollten, will ein Herr wissen. Er warte schon geschlagene zehn Minuten und das nur, um in sein Heimatland gelassen zu werden.

Das ist doch ..., ja, das ist der verständige und geduldige Tourist von vor drei Wochen. Hastig legt er seinen Ausweis vor, trommelt mit den Fingern auf den Schaltertisch. Den Beamten bescheidet er mit einem höhnischen „alles in Ordnung, was?“ Er eilt zum Gepäckband, um sich dort über die faulen Flughafenarbeiter aufzuregen, die es nicht fertigbringen, seine Koffer in 20 Minuten von der Maschine auf das Band zu befördern. Die Worte „überbezahlt“ und „Wohlfahrtsstaat“ sind zu hören.