Von Walter Klier

Wie ein Buch, das man leicht als „sprachlich mißglückt“, klischeeüberfrachtet und wie dergleichen Urteile auszufallen pflegen, abtun könnte, aus anderen als von der Autorin vorgesehenen Gründen zu fesseln vermag, das führt Waltraud Anna Mitgutsch in ihrem neuen (ihrem dritten) Roman vor. Mit jenem nervtötenden Sprach-Instrumentarium, das seit dem „Tod des Märchenprinzen“ gern ausschließlich der Frauenliteratur zugeordnet wird, erzählt sie die Geschichte einer Mutter und ihres behinderten Kindes. Nicht genug damit, daß das Kind nicht zu dem Traum-Super-Sprößling heranwächst, der aus unerfindlichen Gründen in jedem neuen Erdenburger erwartet wird, ist auch Ehemann Felix ein ausgesuchtes Ekel, aus reichem Haus noch dazu (der Reichtum stammt aus Arisierungen). Ärzte, Psychologen und Lehrer sowie alle andren Figuren, sämtlich in unausgesprochener Komplizenschaft handelnd, sind gefühllose Monster, deren einziges Trachten, der Frau die Gesamtschuld am Mißraten des Kleinen anzulasten, trefflich gelingt. Nachbarn etwa rufen der Mutter über den Zaun hinweg zu: „Ich bin immer glücklich“, und: „Wenn du reif dafür bist, kommt das Glück auch zu dir.“ Die Kinder der Nachbarn setzen sich zum Ziel, den kleinen Jakob körperlich und seelisch endgültig fertigzumachen, zuletzt gibt es Drohanrufe und Exkremente vor der Haustür, bis Mutter Marta wieder einmal ihre Siebensachen packt und wegzieht. Das Kind, obwohl weitgehend unzugänglich (bloß die Mutter hat Zugang zu seiner Seele, deren genauere Schilderung aber unterbleibt), ist nicht nur ungeheuer sensibel, sondern auch musikalisch und bildnerisch begabt; aus scheinbar belanglosen Anlässen erlischt die Begabung wieder. „Von Anfang an hatte sie sich dem Kind gegenüber schuldig gefühlt. Als hätte sie Jakob ihre ausschließliche Treue versprochen und stehle ihm nun schamlos die Liebe, die ihm allein gehörte. Scham und Schuld und eine quälende Unausweichlichkeit mischten sich in die besessene Sturheit, mit der sie an dieser Beziehung festhielt.“ Mit solchen Passagen, die der Text erbarmungslos aufeinanderhäuft, wird das Bild der bedingungslosen Mutterliebe gegen die böse Welt mehr behauptet als beschrieben. Was die Autorin aber wirklich beschreibt, scheint mir, ist etwas anderes, eigentlich Unzulässiges und daher in den konventionellen Formen, denen sie anhängt, Unbeschreibliches: Was sich mit Intensität auf den Leser überträgt, ist nicht das traurige Schicksal des Kindes, sondern das Panorama eines alles durchdringenden Verfolgungswahns, der sich seine Ursachen sucht, wo er sie finden kann; das existentielle Gefühl des nicht Dazugehörens, des in jedem Augenblick von der Welt Zurückgestoßen- und Getretenwerdens. Die Vermutung drängt sich auf, die ganze Romanhandlung sei erfunden, um ein Vehikel für die Schilderung des Wahns zu haben, der sonst der auch im Literaturbetrieb gut funktionierenden gesellschaftlichen Sanktionierung anheimfiele, etwas Böses, wo wir doch das Gute (und sei es nur potentiell) zu beschreiben haben, ein für die literarische Seelsorge völlig unbrauchbares düsteres Flackern, eine anarchische Hoffnungslosigkeit, das darf nicht sein, da erzählen wir lieber die erfundenen Psychosen eines erfundenen Andern.

  • Waltraud Anna Mitgutsch:

Ausgrenzung

Roman; Luchterhand Literaturverlag, Frankfurt 1989; 288 S., 32,– DM