Mißtrauen gegenüber Deutschen als Horrorgespenster am Rande meiner Kindheit auf So beschreibt die amerikanische Jüdin Jane E. Gilbert, Jahrgang 1947, den Beginn ihres Hasses auf Deutschland. Sie aber hat sich diesem Haß in ganz ungewöhnlicher Weise gestellt. Sie ist nach Deutschland gefahren und in Deutschland geblieben. Den Weg, den sie bockig und konsequent beschritt, hat sie in einer Biographie nachgezeichnet.

Mit erstaunlicher Offenheit beschreibt sie die Verklemmtheiten und Unbarmherzigkeiten im eigenen Milieu und wie die Eltern "ihr Judesein regelrecht versteckten" und ihre Kinder zu Unauffälligkeit, Sparsamkeit und brillanten Leistungen antrieben. Nicht immer waren die Methoden sanft. Nach Zeugnistagen erschienen "viele Kinder mit geschwollenen Gesichtern und blauen Flecken in der Schule". Das massive Schlagen, so lernt Jane Gilbert später von einem Psychoanalytiker, sei eine unmittelbare Auswirkung des Holocaust "Manche ehemalige KZ Insassen hatten durch das Erlebte jeglichen Maßstab bezüglich der Gewalt verloren "

Um so stärker setzten sich die Haßgefühle auf die Deutschen in den Jungen fest. Sie wollten nicht stumm das Entsetzen in sich verstauen, sie wählten Abwehr und Aggression "KrautBashing", Deutsche verhauen, wurde zu einem Ventil für die Wut, die sie fühlten "Von uns aus hätten alle Deutschen verrecken können "

Was so häufig zu beobachten ist: Die im Vergleich zu der der Eltern viel unerbittlichere Haltung der zweiten Generation gegenüber Deutschen wird hier — so verständlich wie selten — am eigenen Beispiel klar — und für uns nachvollziehbar gemacht. Da sind nicht nur die Deutschen, die Erfinder der "Endlösung" und Ausrotter des eigenen Volkes, die auch sie — die jungen amerikanischen Juden — vernichtet hätten, wären sie denn greifbar gewesen. Da sind auch die verängstigten und gewalttätigen Reaktionen der Eltern, und da ist das große Gefühl der Schuld, "ein fürchterlich schlechtes Gewissen, weil ich nie einen solchen Preis für mein Judesein bezahlt hatte". Und sie haben — anders als ihre ermatteten Eltern — noch Kraft für die Aggression. Mit lautstarken und handfesten Attacken übertönen sie allerdings auch die keimende Furcht in sich, zum Leiden auserwählt zu sein.

Jane Gilberts eigene Faszination des Feindes läßt sie bereits im College eine Liaison mit einem Deutschen eingehen, der ihr weder richtig gefällt, noch intellektuell ein adäquater Partner ist. "Wenn er Amerikaner gewesen wäre, hätte er mich überhaupt nicht interessiert Und dennoch bleibt sie in der Beziehung, weil sie sich nur in seiner Gegenwart "wie eine richtige Jüdin" fühlte. Wollte sie, das fragt sie sich selbst, "ein bißchen Rache üben" oder gar, das fragt sich der Leser, ein bißchen Leid nachholen, um das schlechte Gewissen loszuwerden?

1969, da ist sie 22 Jahre alt, treibt es sie "aus einem inneren Zwang" nach Deutschland "Vergiß nicht, richtig zu essen", gibt ihre Mutter der Tochter ratlos mit auf den Weg, den sie nicht nachvollziehen kann. Jane Gilbert wird Zimmermädchen in einem Hotel auf dem Dorf — mitten in der deutschen Provinz "Jetzt befand ich mich wirklich in der Diaspora Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich richtig jüdisch " Immer wieder schwankt sie zwischen Ekel und Unsicherheit, weigert sich einerseits, "deutsche Kotze" wegzuwischen, fühlt sich andererseits verpflichtet, eine Kollegin mehrmals zum Essen einzuladen, "um zu zeigen, daß Juden nicht geizig sind". Lange hält sie es in dem Job nicht aus, sie reist durch Deutschland, trifft auf Philosemiten, deren Beachtung sie ausnutzt, besucht Bergen Belsen, wo sie beschließt, "keine Kinder in die Welt zu setzen", findet Deutsche, die sie — zu ihrem eigenen Erstaunen — mag. Nach acht Wochen fängt ihr Feindbild an "zu wackeln".

Drei Jahre später — als sie ihr vom Deutschenhaß verzerrtes Gesicht zufällig im Spiegel erblickt und vor dem eigenen Antlitz erschrickt — beschließt sie, "nach Deutschland überzusiedeln, in der Hoffnung, endlich die Vergangenheit zu verstehen und zu verarbeiten". Hie und da übt sie ein kleines bißchen Rache, genießt die zitternde Angst von Deutschen und zittert selbst aus Angst vor ihnen. Sie will sich als Jüdin in dieser Gesellschaft behaupten und scheut sich stets, dem Klischee zu entsprechen, womöglich Vorurteile zu nähren. Ihre Besuche in Amerika werden zu einer Art "Spießrutenlaufen", sie wird als Verräterin gebrandmarkt "War es bei uns denn so schlimm, daß Du zu den Mördern rennen mußtest?" fragt die verzweifelte Mutter.