Die Worte hallen dumpf in meinem Schädel nach: "Dann kriegense se auch." Mein Herzblatt und ich wechseln irritierte Blicke: Hat er wirklich? Ja, er hat die magische Formel gesprochen. Vor uns steht ein junger Mann in teurem Tuch. Er vertritt eine dieser Firmen mit Phantasienamen griechischer oder lateinischer Herkunft, die am Wochenende die halbe Stadt auf Trab halten. In der Rechten hält er eine schlagstockgroße Taschenlampe. Die Besichtigung findet im dunkeln statt.

Allmählich kommt es bei mir an: Der junge Mann hat gerade, sozusagen fingerschnippend, einen dreimonatigen Alptraum beendet. Wohnungssuche – das ist Berlin von unten. Täglich die BZ, dreimal wöchentlich die Zweite Hand, sonntags die Morgenpost, verbissener Kampf gegen das Besetztzeichen – "Wie alt sind Sie? Was machen Sie beruflich? Verheiratet? Und Ihre Lebensgefährtin? Was verdiense denn so?"

In einer Stadt, der 60 000 Wohnungen fehlen, gelten die alten Kriterien nicht mehr. Es genügt nicht, daß man in seinen vier Wänden keine Pferde zureiten will, nicht aus dem Fenster schießt und die Miete pünktlich zahlt. Gefragt ist das kinderlose Handwerkerehepaar ab vierzig. "Sie sind Student? Mein Mitgefühl." Manch ein Makler oder Hausverwalter trifft feinere Unterscheidungen und fragt nach dem Studienfach. Germanisten sind faul, Juristen klagen sofort und Soziologen lassen alles verkommen. So ist das.

Man muß sich für einen Mietvertrag qualifizieren. Die sozialdarwinistischen Eckdaten müssen stimmen. Erst wenn man vor diesen dumpf brodelnden Vorurteilen, dem marktbeherrschenden Spießermief bestehen kann, wird man überhaupt ernstgenommen und erhält die Adresse des vakanten Objektes. Dann die sonntägliche Straßenralley: 12 Uhr in Wedding, 12 Uhr 30 in Neukölln, 15 Uhr in Schöneberg, 16 Uhr in Moabit, 17 Uhr 30 in Charlottenburg. Schlangestehen vom Erdgeschoß bis in den vierten Stock, schreiende Kinder, verwohnte Löcher – "2000 Mark für den Schrank und die Auslegeware".

Dafür geht es hübsch ordentlich zu. Der Fragebogen zur Wohnungsbewerbung gehört zum Ritual. Gehören unsere Möbel uns? Besitzen wir Fahrzeuge? Wo wollen wir die abstellen? – abzugeben mit Personalausweiskopie, Gehaltsnachweis, sowie Belegen über die Mietzahlungen der letzten zwölf Monate Montag um 10 Uhr im Maklerbüro XY. Von dort aus würden die Unterlagen ohne Ansehen der Person an die Hausverwaltung weitergeleitet, die nach nüchternen Zahlen entscheidet, sagen die Makler. Aber: Don’t call us, we call you.

Damit haben wir in den letzten drei Monaten jede freie Minute verbracht. Wir haben unsere Freunde genervt, Zettel geklebt, das Branchenbuch durchtelephoniert ( ‚,’ne Dreizimmrige unter 1000 Mark? Wo soll die denn liegen? Auf dem Prenzlauer Berg?"), den Kellner in der Kneipe angequatscht, wohlklingende Bewerbungsschreiben auf Chiffre-Anzeigen formuliert. Hoffen, Bangen, Flehen zur Morgen- und zur Abendsuppe.

Gestern hatte ich genug. Ich habe alles in mich hineingeschüttet, was mir in die Finger kam. Mein Herzblatt hat mir ein Katerfrühstück verabfolgt. Heute muß ich nur Stadtplanlesen und den Mund halten. Ich stinke wie eine Eckkneipe, sagt sie. Und nun stehen wir vor diesem jungen Mann und sie hat unseren Standardspruch aufgesagt: "Wir würden sie vom Fleck weg nehmen." Und er sagt einfach: "Dann kriegense se auch."