Hühnerhof Idylle ist vorbei; Kikeriki machen Hähne nur noch in nostalgischen Bilderbüchern. Und was Leonardo über den Hahn gesagt hat — Er freut sich, wenn der Tag geboren wird, und singt. Er freut sich, wenn die Sonne aufgeht, und singt. Er läuft, springt, kämpft und spielt, immer singend, glücklich, zufrieden — das hört sich an wie irrer Spott auf die elenden Kreaturen in Batteriehaltungsbetrieben. Dünne Hähnchen unter frisch geschlüpften Küken in Massenbetrieben wirft man ohnehin in Abfalltonnen. Liquidation, Tierfutterverarbeitung: das ist die neue Romantik erfolgreicher Geflügelfarmen. In einem liebevoll illustrierten Bilderbuch des Deutschen Taschenbuch Verlages wird Hennenleben thematisiert. Ohne geheuchelte Idylle. Um Kindern keinen Schock zu versetzen, wird das Elend der Massentierhaltung nur behutsam umschrieben. Die Geschichte ist einfach: Eine kleine Henne hat das (märchenhafte) Glück, der Hühnerhölle zu entkommen. Ein dicker, kleiner, netter Mann kauft sie für vier Mark fünfzehn frei und setzt sie zu Haus in seinen Garten. Da hat sie Sonne, Himmel, Luft, Erde, ein großes, schönes ratzrevier und fette lange Regenwürmer im Bojden "Mach dir ein schönes Leben", sagt der [nette, dicke, kleine Mann zum Huhn "Brauchst nicht jeden Tag ein Ei zu legen Die Henne, die sich zögernd aus der dumpfen, stumpfen Kommerzexistenz des Massenhalters zum zufriedenen Federvogel mausert, kriegt sogar noch einen Hahn. Mit sechs goldgelb plusterigen Federbällchen stolziert sie ins Happy End dieses Märleins. Tilman Michalski hat es gemütvoll illustriert. Werbepsychologen kennen und nutzen schamlos den "Schleppereffekt" von insistierenden Kindern, die Erwachsene so lange mit Quengeln, Bitten und Fragen traktieren, bis die genervt nachgeben. Für diese Geschichte sollte man sich Kinder als Schlepper sogar wünschen, damit gedankenlose Erwachsene ihre Frühstückseier nicht von Massenzüchtern kaufen. U B.