Friedrich Glauser, Autor der erfolgreich verfilmten Wachtmeister Studer Romane, einziger Schweizer Schriftsteller der dreißiger Jahre, dessen Bücher heute noch regelmäßig neu aufgelegt werden, schrieb sieben Romane und viele Erzählungen, die immer wieder seine, des Autors, Geschichte versteckt, zerstückelt, verfremdet aufnehmen.

Nun lernen wir einen anderen Teil des Werks kennen, der uns bisher so gut wie unbekannt war und in dem Sätze stehen wie diese: "Dankend bestätige ich Ihnen den Empfang von 16 40 frs. Beiliegend sende ich Ihnen die quittierte Arztrechnung. Außerdem möchte ich Sie anfragen, ob Sie mir gestatten, meine Arbeitsschuhe frisch besohlen zu lassen. Es sind nicht die neuen, die ich gekauft habe, sondern das alte Paar, Ich hätte es nötig, da ich manchmal von der Arbeit ganz nasse Schuhe habe "

Das ist im Ton, im Stil nicht wesentlich anders als das, was in den ständig nachgedruckten Büchern Glausers zu lesen ist, weswegen man auch Hier wie da paßt der Autor in einem nüchternen, schmucklosen Deutsch die Sprache der Sache an, als die er sich selbst behandelt. Nur ist, was als Brief geschrieben ist, unverändert, unverhüllt — nicht unstilisiert! — auf die eigene persönliche Misere bezogen.

Glauser war auf eine so unentrinnbare wie entsetzliche Weise gezwungen, die Wahrheit zu schreiben und nichts als die Wahrheit. Er entwikkelte aus diesem ihm von außen auferlegten Zwang seine eigene Form von Glaubwürdigkeit, die eine literarische Form ist. Als Leser der Briefe können wir dabei zusehen, wie, aus welchem Anlaß, aus welcher Not sie entsteht.

Friedrich Glauser, der von den ersten Zeilen an in diesem Band, einem Schülerbrief des Fünfzehnjährigen, über eine erstaunliche, nie nachlassende sprachliche Selbstkontrolle verfügt, war seit seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr entmündigt, "wegen liederlichen und ausschweifenden Lebenswandels", wie es im entsprechenden Antrag des Züricher Waisenamts heißt. Der Entmündigungsbeschluß wurde am 21. Februar 1918 im Tagblatt Glauser war schon früh mit Morphium in Berührung gekommen; man ist überrascht, wie leicht so etwas damals war. Die Sucht, ihre Folgen bis hin zur Straffälligkeit, das Hantieren des Jugendlichen mit Schußwaffen, die vom Vater darauf verordnete Landarbeit, die nicht abreißenden Anstaltsaufenthalte, die Selbstmordversuche, das alles erinnert ungemein an die Geschichte des etwa gleichaltrigen Schriftstellers Hans Fallada. Die Ähnlichkeit geht bis zur Eigenart der Bücher, die beide geschrieben haben, was Stoff und Stil, was Schreibrausch und Erfolgskalkül betrifft. Nur daß Fallada nie um das Recht gebracht wurde, für sich selbst verantwortlich zu sein, darin unterstützt von einer zu ihm haltenden Ehefrau, die Glauser erst fand, als es zu spät war: Einen Tag vor der festgesetzten Hochzeit erlitt er einen Gehirnschlag, Zwei Tage danach, am 8. Dezember 1938, ist er, 42 Jahre alt, gestorben.

Die Briefe ergeben eine fast lückenlose Autobiographie. Gerichtet sind sie in der Hauptsache an Glausers Vater, der die Entmündigung in die Wege geleitet hatte, an den Vormund und an den Psychiater Karl Müller, später auch an Berthe Bendel, die Lebensgefährtin, die die meiste Zeit von ihm getrennt war.

Es gibt keinen zweiten Fall eines Schriftstellers mit einer so auf das Minimum reduzierten Lebensbasis. Lange Zeit als Handlanger in Gärtnereien schwere Arbeit verrichtend, verdient er nie so viel, wie er zum Leben braucht. So muß er den verhaßten Vater, den er bei gleicher Gelegenheit offen um Liebe anbettelt, immej wieder um Geld bitten, dazu auch noch die Zustimmung des Vormunds einholen Über alle Ausgaben werden ihm Quittungen abverlangt. Die geringfügigste Auslage muß er vorweg begründen, und sei es für die Besohlung der Arbeitsschuhe. Nachher glaubt er, sich noch einmal dafür rechtfertigen zu müssen, wiederum bei Vater und Vormund gleichzeitig. Doch das ist noch nicht das Schlimmste. Er fristet in jeder Hinsicht ein Leben auf Bewährung. Er soll skh nichts zuschulden kommen lassen, sich über harte Arbeit und kargen Lohn nicht beklagen, schon gar nicht seinen Arbeitgebern widersprechen. Der Vormund trifft regelmäßig zu Kontrollbesuchen ein, die damit beginnen, daß er bei anderen Erkundigungen einholt und zum Schluß Ermahnungen austeilt. Glauser bittet ihn verzweifelt, wenigstens nicht Briefumschläge mit dem Aufdruck "amtlicher Vormund" zu benutzen. Dem verständnisvolleren Dr. Müller gegenüber erwähnt er manchmal die Taktlosigkeiten, denen er ausgesetzt ist. In der Regel jedoch ist er bereit, seine Leiden (zur Drogensucht kommen noch ständig Krankheiten) als Strafe zu akzeptieren, Besserung zu geloben und die Lebensbewältigung, als stünde dergleichen in seiner Macht, in Aussicht zu stellen.