Der Titel ist noch das beste an diesem Buch: "Einsteins Ungeheuer". Im Umschlagtext verspricht der Verlag, Autor Martin Amis fange "scharf, ironisch und aufrüttelnd unsere Zeitkrankheiten ein". Der Autor selbst, ein 39 Jahre alter Engländer, kündigt seine sechs Geschichten eher zagend an. Für die erste entschuldigt er sich gleich, sie sei polemisch, zu den anderen meint er ahnungsvoll, er wolle in dieser Diskussion, in diesem Glücksspiel, seinen "Einsatz wagen, wie wenig es auch sein mag, wie seltsam die Farben meiner Karten auch sein mögen, wie gering ihr Wert". Dennoch hofft Amis: "Falls die Geschichten auch politische Reaktionen hervorrufen, umso besser "

Das Bändchen von Martin Amis greift hoch. Es will in sechs Erzählungen - so suggerieren auch Titel und Aufmachung - einen literarischen Einblick in das Inferno nach einem Atomkrieg geben. Alpträume nach dem Fallen der Bombe. Das Unausdenkliche, das Unvorstellbare, das Verdrängte - sie sollen ausgedacht, durchphantasiert und hervorgeholt werden.

Ein politisches Buch im KurzgescTiichten Gewand. Wenn ein Künstler sich das Leben nach dem atomaren Ende, das Hinsiechen der vorläufig überlebenden Menschen ausdächte, wie beklemmend läse sich dieses stille Inferno, wie elend müßte dem Leser großer Kunst werden! Aber Martin Amis verkündet auch im Vorwort, er habe die Kurzgeschichten in der Absicht geschrieben, "Vergnügen zu bereiten, die verschiedensten Arten eines komplizierten Vergnügens". Na, was denn nun? Verdichtung der Zeit nach dem großen vielleicht beides? Prüfen wir die sechs AmisStücke, ob sie Entsetzen, Gruseln, Vergnügen oder noch etwas anderes hervorrufen.

Das erste trägt den Titel "Die Denkbarkeit des Undenkbaren" und soll wohl das denkerische Dach für die anderen bilden. Auch hier eröffnet das Thema eine schreiberische Chance. Doch dieser Autor klappert nur unorganisiert und panisch mit den Zähnen: er schimpft lediglich. Seine Brabbeleien und sein Maulschaum verdienen den Namen Polemik nicht. Der 23 Seiten Beitrag bringt keinen einzigen originellen Gedanken, sondern nur eine pubertäre Aneinanderreihung von kindlichen Einfallen - dümmliches Gemeckere. Gerade der Leser, der Amis Meinung über die Atomrüstung im Grunde teilt, kommt sich schon nach einer Seite angeschmiert vor "Die A Bombe ist eine Z Bombe, und der Rüstungswettlauf ist ein Wettlauf zwischen den Kernwaffen und uns selbst", und so weiter. Jeder Leser würfe ein Buch mit dieser Eröffnung wutentbrannt in den Papierkorb - nur der Rezensent muß weiterlesen. Doch die zweite Geschichte, "Bujak und die starke Kraft", die Londoner Begegnung mit einem urtümlichen Polen namens Bujak, einem Veteranen des Warschauer Widerstands gegen die Nationalsozialisten, der selber polnische Nazi Kollaborateure gefoltert hatte, versöhnt den Weiterlesenden plötzlich. Dieser Bujak, in der gelegentlich hemdsärmeligen (gut übersetzten) Sprache der anglo amerikanischen Literaten gezeichnet, ist ein tragischer Riese, ein um sich schlagender Emigrant, ein Rächer, der nichts gelernt hat, dem auch immer Unrecht geschieht - also plötzlich eine faszinierende und hart gezeichnete Figur in dem bisher läppischen Ensemble. Nur: Bujak hat so gar nichts mit dem Thema Atomwaffen zu tun. Zwar wechselt man ein paar tiefsinnige Worte über Erstschlag und Vorleistung, zwar erweist sich Bujak als Befürworter eines Gegenschlags ("im Krieg ist Rache Grund genug"), aber der Text ist offensichtlich ein wenig zurechtgebogen, damit er unter dieses Dach passe. Doch er paßt nicht. Bujak ist kein Atom Thema, Bujak ist eine urige Romanfigur, die ins Prokrustesbett dieses Büchleins gepreßt wurde.

Auch die nächste Geschichte "Einsichten am Flame Lake" ist so, auf ärgerliche Weise, passend gemacht. Eine Familie verbringt heiße Ferien an einem See, mit ihr der malade Neffe des Mannes, der an Schizophrenie leidet. Der Onkel führt ein Tagebuch, der kranke Neffe ein Notizbuch, und der Autor präsentiert im Wechsel die Eintragungen der beiden. Das ist zwar in Maßen beklemmend, aber wer das "Kuckucksnest" oder den "Rosengarten" kennt, oder wer die Novellen von Martin Beradt gelesen hat, dem von Hitler Verbrannten, der Flucht in Träume und Wahnvorstellungen meisterlich darstellte, der kann die Notizund Tagebuchaufzeichnungen des Gesunden und des Kranken von Amis nur für Mittelmaß halten, auch wenn sie in diesem Buch hervorragen. Die nächste Geschichte namens "Zeitkrankheit" ist ebenso wie die letzte in diesem Buch ("Die Unsterblichen") ein Gemisch von wabernder Phantasie, disziplinloser, ausufernder Sprache mit wenigen witzigen Einfallen, die jedoch nicht weit tragen: der Leser gähnt. In einer schauderhaften Zukunftswelt mit allerlei technischem Gerät und allerlei Zukunftsabsurditäten - es soll bald wieder eine Dreiklassengesellschaft geben, und die Autobahn hat fünf verschieden teure Spuren (nur die Dollarspur ist frei) - besucht ein Mann seine "alte Geschichte", den Fernsehstar Happy Farraday, un es mit ihr zu treiben ("Mach es ihr, um alter Zeiten und um ihretwillen").

Wenn ich die verworrenen Sprünge des Autors richtig verstanden habe, sollte dieser Rest Geilheit ein Trost für die an der Zeitkrankheit sterbende Happy sein. Es ist eine heillose, bescheuerte Geschichte, keineswegs eine düstere und treffende Zukunftsvision, schon gar nicht ist sie etwa scharf, ironisch oder gar aufrüttelnd. Daß der Autor aber doch etwas Talent zu haben scheint, zeigt die vorletzte Erzählung "Jackajack, du schaffst es". Jackajack ist ein kleiner Hund. Aus seiner Perspektive wird - anfangs - diese Geschichte entwickelt. In einer Siedlung leben einige Menschen, die der Atomblitz übriggelassen hat, in Angst, Demut, Hilflosigkeit, Niedergeschlagenheit. Ein Mädchen findet Jackajack beim Baden und rettet ihn vor dem Hungertod, indem sie ihn mit nach Hause nimmt. Die anderen Dorfbewohner sind gsgen den Welpen, weil er sie an den großen bösen kranken Hund in der Umgebung der Siedlung e innert, der das Dorf terrorisiert und vom Fleisch der Bewohner lebt. Er ist acht Fuß lang und vier Fuß hoch, ein grauenhaftes Symbol des Untergangs. Ihm werden in einem Krater, in dem das Feuer noch brennt, Menschen geopfert: er frißt se. Eines Tages ist Andromeda dran, das Mädchen, das den Welpen rettete. Nun kann sich der kleine Hund revanchieren. Dieses 28seitige Prosasück ist der einzige Text, um dessentwillen sich der Kauf des Buches lohnen könnte. Er ist im Gegensatz zu den anderen Erzählungen ungeschwätzig und straff geschrieben, die Ereignisse entwikkeln sich klar, die Phantasie ist gebändigt: mit renigen Mitteln schafft der Autor hier endlich ein beunruhigendes Tableau voller Düsternis, ein unappetitliches Bild künftiger Realität.

Aus dem Englischen von Bernhard Robben; Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 126 S , 8 80 DM