Von Jürgen Dahl

Aussaatzeit: Wohl dem, der rechtzeitig Samen bestellt, seine Vorräte geordnet und alle anderen Vorkehrungen getroffen hat – die Aussaatschalen gereinigt, magere Erdmischungen bereitet und neue Schildchen eingekauft.

Vorsichtige Säleute lassen immer einen Samenrest im Tütchen, für den Fall, daß etwas mißlingt. Über die Jahre hin sammeln sich die Reste zu einem Fundus, der freilich an Verläßlichkeit verliert, was er an Umfang gewinnt. Der Umgang mit den Überbleibseln sagt viel über den Gärtner: Macht er umständliche Keimproben, um vorab die Spreu vom Weizen zu sondern? Wirft er beherzt dies weg, was älter ist als ein Jahr? Oder rührt ihn der Gedanke, daß in jedem Körnchen vieleicht, vielleicht doch noch das Leben einer ganzen Pflanze steckt, so daß er auch den letzten immer eine Chance gibt?

Und dann die neuen, frisch eingetroffenen Samen. Leicht addieren sich da die vielen kleinen Wünsche, die man sich nach dem Katalog erfüllt hat, zusammen mit der eigenen Samenernte zu Aberdutzenden, und es bleibt uns doch jetzt nur die Spanne kurzer Wochen, um alles einer mildfeuchten Saaterde anzuvertrauen. Auf allen Fensterbänken drängeln sich die Töpfe und Kistchen.

Kleine viereckige Töpfe haben den Vorteil, daß wir jede Art für sich aussäen, je nach ihrem Entwicklungsstand gesondert behandeln und platzsparend unterbringen können. Inzwischen habe ich aber auch die Joghurtbecher aus Plastik schätzengelernt: Wenn man sie nicht bis zum Rand mit Erde füllt, dann lassen sie sich gut abdecken, bis die Sämlinge erscheinen, und wenn diese heranzuwachsen beginnen, kann man die Becher draußen in die Erde einlassen und auf den glatten Rand ein Marmeladenglas stellen. Das schützt die zarten Pflänzchen vor Wind und Schnecken und läßt sie doch kräftiger werden als drinnen am Fenster. Natürlich muß man vorher mit der Schere ein Abflußloch in den Becherboden schneiden.

Manche Aussaaten sind Routine, und die Schildchen dafür sind Jahre alt: Rosenkohl und Eß-Chrysanthemen, Mangold und Zucchini, Kapuzinerkresse und Zinnien. Auf anderes sind wir gespannt, weil wir es zum ersten Mal probieren:

Von einem Gärtnerfreund, der den Nachtschattengewächsen zugetan ist, bekam ich Samen der Giftbeere (Nicandra physaloides) und des Bocksdorn (Lycium barbarum). Die eine stammt aus Peru, der andere aus China, aber beide sind oder waren bei uns gelegentlich verwildert anzutreffen. Fast vollzählig wird die merkwürdige und manchmal etwas unheimliche Familie dann im Garten des Lindenhofs mit ihren hierzulande gedeihenden Vertretern ansässig sein: Kartoffel und Tomate gehören dazu, der heimische Stechapfel (Datum stramonium), die Lampionblume (Physalis franchetii) und ihre delikate Schwester, die Kapstachelbeere (Ph. peruviana), und dann noch Tollkirsche, Bilsenkraut, Tabak, Nachtschatten und Paprika: Gift und Wohlgeschmack, Genuß und Drohung, Schönheit und Düsternis nah beieinander – und dann, zum Winterende, als eines der hinfälligsten Gebilde, die der Garten zu bieten hat: das Adernetz der vergehenden Kelchblätter, die die Früchte der Physalis-Arten und der Giftbeere umhüllen wie ein feinziselierter Schrein (die Gärtnerin meint: wie gestärkte Spitze).