Von Christian Meier

Historiker haben eine Provinz, jedenfalls im ursprünglichen lateinischen Gebrauch des Wortes, welcher einen Geschäftsbereich meint. Und häufig ist sie zeitlich und örtlich sehr begrenzt.

Den Provinzen, denen wir uns, in aller Regel jedenfalls, widmen, korrespondiert die Welt, das Ganze der Geschichten, deren viele ja auf unserem Globus lange mehr oder weniger unabhängig voneinander abgelaufen sind, jetzt aber rapide in einen Zusammenhang geraten. Sie werden zu Vorgeschichten jener einen Geschichte, die die Zukunft der Welt ausmachen wird, wenn es sie denn geben soll. Man tut vermutlich gut daran, wenn man in Hinblick auf diese Geschichten nicht von "Weltgeschichte" oder "Universalgeschichte" spricht. Denn diese beiden Begriffe sind von ihrer Vergangenheit zu sehr belastet, zu sehr von Europa her gedacht, wie wenn Europa das Ziel der Weltgeschichte wäre. Eben dies können wir nicht mehr annehmen. Ich spreche deshalb von "Welt der Geschichte".

Damit sei der Rahmen bezeichnet, in dem sich historisches Interesse zu bewegen hat. In irgendeinem Sinne sind wir bewußt und unbewußt stets von dem Ganzen bestimmt, auf dessen Teile unsere Arbeit sich in der Regel nur beziehen kann. Doch haben Historiker als Ganzes früher immer nur Teile der Welt oder ihrer Geschichte angesehen. Selbst wo fremde Völker die abendländische Geschichte stark beeinflußten – wie die Araber durch ihren Vorstoß ins westliche Mittelmeer oder die Türken zur Zeit der Kreuzzüge –, beschränkte sich das Interesse auf eben diese Epochen der Berührung, und man sah Araber wie Türken wesentlich aus dem Innern der europäischen Geschichte heraus. Und mit welcher Arroganz wird zum Teil bis in unsere Tage die Geschichte anderer Völker an europäischen Maßstäben gemessen!

Dies alles können wir uns heute längst nicht mehr erlauben. Wer heute noch die "Welt der Geschichte" auf das Antik-Abendländische beschränkt sieht, ist nicht mehr einfach in den naturlichen Begrenzungen und Akzentuierungen einer Gesellschaft (oder eines Kreises von Gesellschaften) befangen, in einem sinnvoll gegebenen Horizont historischer Betrachtung, sondern er hat schlicht Scheuklappen auf. Indem alle Völker auf dem Erdball in enge und immer enger werdende Verbindung zueinander geraten, ist auch deren Geschichte unabweisbar in unseren Horizont gerückt. Und das muß Konsequenzen auch für die historische Betrachtung haben. Es hat sie auch; aber bei weitem noch nicht in gehörigem Ausmaß. Daher ist eine neue, grundsätzliche Besinnung auf die Aufgaben der Historie notwendig. Daher die Frage, wie sich zu der den Erdball umfassenden Welt der Geschichte die Provinzen der Historiker verhalten.

Mindestens eines ist klar: Sie sind in aller Regel relativ sehr klein, zeitlich und räumlich. Ihr Verhältnis zum Ganzen der Geschichte ist problematisch. Meine These geht dahin, daß wir dieses Verhältnis nicht dem Geratewohl überlassen können, es vielmehr zu bedenken haben, und zwar bis in unsere Alltagsarbeit hinein. Wir können am Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr so weitermachen wie bisher. Wir müssen vielmehr grundsätzlich neu ansetzen. Die Geschichtswissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern und so auch in der Bundesrepublik großartige Fortschritte gemacht. Allein, sie beziehen sich fast alle auf den herkömmlichen Umkreis antik-abendländischer Geschichte. Nicht, daß nicht ähnliche Fortschritte auch für andere Teile der Geschichte erreicht würden (und nicht ganz, daß sie nicht gelegentlich auch von unsern Historikern erreicht würden) – aber die Arbeit an der außereuropäischen Geschichte vollzieht sich zumeist anderswo (und sehr oft im Ausland und wird von uns bestenfalls zufällig zur Kenntnis genommen). Und weiter: Die Fortschritte unserer Wissenschaft fordern ihren Preis, den Preis zunehmender Spezialisierung. Auf welchem Hintergrund einer (nicht nur historischen) Allgemeinbildung konnten noch unsere Urgroßväter und Großväter ihren Spezialforschungen nachgehen! Da stand das Spezialistische auf breiter Basis, war es unterfangen von beachtlichem Überblickswissen. Das ist heute vorbei. Wir wissen über unser engeres Fach hinaus von Wenigem, und wir sind uns darin zumeist recht unsicher. Und das Wissen, das die Wissenschaft insgesamt sich erarbeitet hat, gehört mehr unseren Bibliotheken zu, als daß es unter uns arbeitete.

Ich finde nicht, daß Historiker nur für Historiker oder anders: für Bibliotheken, die dann vor allem von Historikern benutzt werden, arbeiten. In der neueren und vor allem in der neuesten Geschichte geht das ohnehin nicht, da die Öffentlichkeit uns manche Information, manches Ergebnis geradezu abverlangt. Aber auch wo dies nicht der Fall ist, dürfen wir uns nicht einfach der fachlichen Selbstbefriedigung hingeben.