Was erwarten Kinder von Büchern? Kurzweil und schrille Spaße. Das jedenfalls behaupten immer wieder lauthals die Kinderkundler. Und so klamottieren folgerichtig viele Bilderbuchmaler mit Juhu und grellen Farben, mit Flickflack und schillerndem Quatsch über endlosen Seiten.

Andere wieder, die wissenschaftelnden Experten, prätendieren salbungsvoll "integrativen Kontext", "Bildkompetenz mit Rezipientenbezug" und ähnlich hochgeschraubtes Zeugs.

Wie sagte der Dachs? Bockmist, sagte der kluge alte Dachs, um Hochmut, Aufplustern und galoppierende Großmannssucht seines flattrigen Freundes Kröterich zu bremsen.

Und was nun erwarten Kinder von Büchern? Alles erwarten sie: Mirakel, Abenteuer, Fakten, Fiktion, Zahlen, Märchen, Geschichten, Theater, Reales, Surreales, Sanftes, Schauriges.

Nicht jedes Bilderbuchjahr bringt Entdeckungen nigelnagelneuer Talente. Manches sind nur Talentchen. Manches alte Bekannte: brillante Zauberer wie Tony ROSS, diese explosive Zeichenbegabung aus England.

Wer noch die "klassischen", eher malerischen Seestücke von "Admiral Maus" in Erinnerung hat, den wird die locker fetzige Feder von "Hansel und Gretel" vielleicht überraschen. Mit nervösen Strichen und furiosem Temperament setzt ROSS die Kompositionen aufs Blatt.

Die Winzigkeiten an den Bildrandern liegen im Wettstreit mit den Hauptdarstellern. Die knochendürre Hexe lädt die Kinder zum Nachtmahl in die Satansküche ein. Hansel und Gretel hocken artig und tumb am Tisch: Pausbäckchen, Neugier und klamm gefaltete Hände. Daß hier etwas oberfaul ist, schwant selbst arglosen Betrachtern. Aus einem Ei am Küchenboden schlüpft träge ein giftgrünes Liliput Krokodil, eine lila Ratte mit Schlapphut salutiert mit dreizinkiger Küchengabel, Hundeviecher glotzen starr und traurig mit baumelnden weißen Servietten um den Hals auf leere Töpfe. Und besonders die Kaulquappen im schwefelgelb schillernden Plumpudding machen Gretel herzensbang.