Auf dem Flughafen Berlin Tegel herrscht am Abend des 17. März Hochbetrieb. Die Osterferien haben begonnen, die Städter sind reif für die Inseln. Außerdem ist es Freitagabend, auch das Management hat die Koffer gepackt (und durchgecheckt zum Familienleben). Draußen im Flutlicht warten die Maschinen.

Ich habe einen Platz auf dem British Airways Flug BA 3197 nach München (Reihe 3, Platz A, Raucherzone). Einsteigezeit ist 20.20 Uhr. Mit zehn Minuten Verspätung trifft die Maschine aus Köln ein, leert sich – und füllt sich mit uns vom Flugsteig 6. Es läuft alles ganz normal. Zwar glaubte ich beim Buchen kurz die Knochenhand des Ayatollah zu spüren, und wie sie klappernd nach dem britischen Flugzeug grapscht (einen Jet für Rushdie), aber wie schnell war ich beruhigt, als ich mir Chomeini ganz realistisch als unseren Geschäftsfreund dachte. Jetzt bloß nichts dämonisieren, politisch denken: im Notfall einfach bis hundert zählen.

Inzwischen sitze ich auf Platz 3 A – da meldet sich die Stewardess. Aber statt uns in einer Routine-Ansage die Lage der Notausgänge zu erklären, bittet sie uns, wieder auszusteigen, um das Gepäck zu identifizieren. Die Passagiere drangen schon zur Tür – da kommt eine neue Order. Hinsetzen! Man werde die Koffer lieber gleich durchleuchten. So vergeht die nächste Viertelstunde.

Aber der Start verspätet sich weiter. Die Stewardess meldet sich noch einmal: auf Vorschlag der Polizei würden nun auch die Postsäcke kontrolliert. Ein gut gekleideter Herr der Club-Klasse greift nach seinem Mantel und verläßt die Maschine. Mein Nachbar fragt den Steward, ob „ein konkreter Hinweis“ vorliege. Da habe jemand angerufen, sagt der Steward: auf der Strecke nach München soll heute etwas passieren. An diesem Tag fliegen aber nur noch zwei Maschinen nach München. Die British Airways und Pan Am-Flug 697.

Und was, wenn nicht nur im Iran, sondern auch im Himmel ein Rauschebart säße? Ist die Wirkung der Schwerkraft nicht sowieso eine Gemeinheit? Platz 3 A ist kein guter Ort um nachzudenken. Aus dem Bauch des Flugzeuges hört man Klopfzeichen, die Maschine wird untersucht.

„Ob es nicht klüger wäre, auszusteigen?“ Es ist mein Nachbar, der fragt, ein Herr mit Goldrandbrille und Seidensakko. Aber da braust es durch meinen Kopf: eine Mischung aus Wut und Mut, aus Pathos und Adrenalin. Vor selbsternannten Autoritäten in die Knie gehen, das hatte man spätestens Ende der sechziger Jahre für immer ausgeschlossen. „Nein“, antworte ich, „wann ich nach München fliege, entscheidet nicht einer dieser Chomeinis, das entscheide ich.“ Der Steward serviert mir noch am Boden einen Becher Sekt.

Die Maschine startet. Man hat nichts gefunden. Flugzeit nach München: eine Stunde zehn Minuten. Wahrhaft kein schöner Flug. Denn die Unsi-, cherheit bleibt: kracht es vielleicht doch? Natürlich wehrt man sich längst vergebens gegen Erinnerungen an „Airport“-Filme, Explosionen, Abstürze, Wasserungen. Mein Nachbar hat sich einen Scotch bestellt und prostet mir zu. Er ist in der Jovialität, die ihm die Lage abnötigt, noch ungeubt, von seinem Wortschatz selber befremdet: „Schlucken wir einen, bevor die Kiste runtergeht.“

Noch vor 22.30 Uhr landet die Maschine in Munchen-Riem. Davongekommen! Und zugleich ist mir klar: das wird nicht der letzte Flug dieser Art gewesen sein. Immer weiter Entführungen und Bombendrohungen. Vielleicht sollte man wenigstens das Begrüßungszeremoniell an Bord ändern. Nicht „Guten Tag“ und schon gar kein „Grüß Gott“ mehr. Demnächst wird auch die Lufthansa-Stewardess sagen „Inshallah – willkommen auf unserem Flug nach...“ Aber da stockt sie schon. Helmut Schoael