Unter den Kennern und Liebhabern solcher Sächelchen galt bislang als Meisterstück eines politischen Versprechers, wie der deutsch-nationale Abgeordnete Lattmann im Jahre 1906 vom Reichstag verlangte, er möge eine Ergebenheitsadresse an Wilhelm II. „rückgratslos, ehm, rückhaltslos“ unterstützen. Stürmische Heiterkeit, minutenlang.

Verliert dies Prachtstück jetzt an Wertschätzung, nachdem der Regierungschef uns mittels Versprecher hat wissen lassen, wie er die Lage der Koalition einschätzt: Man werde „pfleglich miteinander untergehen, ehm, umgehen“? Keine stürmische Heiterkeit; als ich es im TV sah und hörte, war, wenn ich mich richtig erinnere, eher eine Art Seufzen in der Luft, das die Erscheinung der Wahrheit zu begleiten pflegt.

G. meint, die Fehlleistung werde in die Folklore eingehen. Wenn man sich an die achtziger Jahre, an die sogenannte Postmoderne erinnert, wird der damalige Bundeskanzler zitiert werden, mit einem Versprecher, der den Wunsch nach einem pfleglichen gemeinsamen Untergang einer Regierung zutage gefördert hatte.

Kanonisch könnte der Versprecher schon deshalb werden, weil er als Lehrbeispiel dafür taugt, was Sigmund Freud sich unter den Fehlleistungen vorgestellt hat. (Den Versprecher des Reichstagsabgeordneten Lattmann habe ich in Freuds „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ nachgeschlagen.) Das Ich sucht sich gewisser Gedanken, sie können lustvoll, aber auch beängstigend sein, durch Abwehr zu entledigen; diese Gedanken sind aber kräftig genug, um sich dennoch durchzusetzen; wenn sie nicht gar durch die Abwehr Aufwärtsdrall erhalten haben.

Der ängstigende Gedanke in Kohls Versprecher liegt offenbar. Beim Wunschmoment muß man genauer hinhören; es steckt, denke ich, in dem „miteinander“, die Koalitionspartner möchten pfleglich miteinander untergehen. Wenig später hat der FDP-Landesvorsitzende von Nordrhein-Westfalen zu verstehen gegeben, daß seine Partei diesem Wunsch nicht entsprechen kann und die Koalitionsaussage zugunsten der Landes-CDU gestrichen.

Längere Studien, sagen wir: ethnographischen Charakters haben mich zu der Überzeugung geführt, daß dieser Regierungschef insgesamt durch seinen Habitus zum Ungeschick inkliniert. Die Fehlleistung paßt in ein Bild.

Schauen wir uns den Kontext des Versprechers an. Kohl äußerte laut AP: „Der Kollege Lambsdorff hat eben gerade gesagt, daß selbstverständlich die FDP bei einem guten Koalitionsklima, wie wir es haben, wenn wir pfleglich miteinander untergehen – miteinander umgehen, entsprechend bereit ist zu sagen, laß uns hier zusammenwirken.“