Es ist lange her: 1965 montierte Friedrich Christian Delius aus den Protokollen eines CDU Wirtschaftstages die Collage "Wir Unternehmer". Das Vergnügen an der Sprache der Sprecher, an der Membran der Macht, hat ihn seitdem nicht verlassen. Eine unterschobene Festrede zum Jubiläum des Siemens Konzerns, die Sprechweise in der "Zentrale der Menschenführer" zu Zeiten des Deutschen Herbstes, die als Denkschrift fingierte Suada eines EG Funktionärs sind andere Beispiele dafür.

Nun ist Delius in die Rolle eines pädagogischen Sprachwissenschaftlers und Ratgebers geschlüpft. Er wertete die Leitartikel und Glossen aus, die 1987 vor allem die Frontseite des Zentralorgans für staatstragende Gesinnung zierten, also jenes Sprachmaterial, das den geneigten Leser des Feuilletons zu heftigen Ausbrüchen des Widerwillens ob solchen Scheibenkleisters verleiten kann. So wird, fast täglich aufs Neue, Hölderlins Satz widerlegt: "Was hier wir sind (im Feuilleton der gänzen Seinem "Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze" hat Delius einen Wink für den Leser mit auf den Weg gegeben: "Er muß davor gewarnt werden, sich ein allzu konservatives Bild vom Konservativen zu machen "

Aber er spricht mit verstellter Stimme: er spricht als Bauch- und Schönredner, macht sich zum Sprechwerkzeug der Sinnfrage und Wesensproduktion. Mit dieser Ausstattung an camouflierender Ironie geht es in dreißig Lektionen durch alle Wechselfälle des Daseins und der Gesellschaft: erst durch den Menschen und die Kultur, dann durch den Markt und die Politik, weiterhin mit hingewandter Zuneigung zu den politischen Gegnern: zu den Grünen, den Sozialdemokraten, inbegriffen "sonstige Extremisten", worauf sich "Sicherheit und Recht und Ordnung" mit "Umwelt und Technik" bis zum "Rest der Welt" tummeln. Seine objets trouves hat Delius einem strengen Regelwerk unterworfen. Zunächst gibt es für jeden Lektionstag drei Lesetexte, die man sich erwerben muß. Zum Beispiel in der Unterrichtseinheit "Sprache und Bildung": "Junge Leute werden um so stärker der Wirklichkeit entfremdet, je länget sie zur Schule und zur Hochschule gehen. Man lernt dort, Fragen zu stellen, aber nicht (oder nur selten), Antworten zu finden. Die grüne Kultur ist eine Nur Frage Kultur Allein die Hinweise und die Übungen, die kursiv gedruckt sind, stammen vom Ratgeber Delius.

In jeweils sechs Übungsfragen wird das Gelente überprüft und zur Fragebildung innerhalb der Vokabeln angeregt. Zum Schluß gibt es als Nachspeise besonders sinnreiche Merksätze wie: "Die Welt ist voller Barrikaden, Zäune, Mauern, Minenfelder und Schützengräben — in den Köpfer so real wie auf der Erde Die beispielhaften Lösungen, die in einem Anhang vorgeschlagen werden, mag man nicht recht akzeptieren — diese Sammlung banaler Redseligkeit und sprechender Gemeinplätze verleitet sofort dazu, die Lösungen in der jeweils neuen Ausgabe der Frankfurter zu suchen.

Mtnche Einwände gegen diese Lego Bausteine für einen geschlossenen konservativen Traktat liegen auf der Hand: das Verfremdungsmuster des Sprach- und Bedeutungskurses ist zu puritanisch ausgefallen, als daß man sich diesem Exerzitium lange an einem Stück aussetzen mag. Es geht ein klammer Ernst von diesen Übungen aus. Aber vielleicht entsteht er gar nicht durch das Arrangement dieses Sprachlaboranten Delius, sondern als ein Echo des Überdrusses, das am Vergnügen der Kritik empfunden wird.

Delius hat mit diesem Nebenwerk eine Art Levana, eine Erziehlehre zum gehobenen konservativen Sound zusammengestellt. Seit Hans Magnus Enzensbergers Essay "Journalismus als Eiertanz" gibt es zum erstenmal wieder einen literarischen Beitrag zur teilnehmenden sprachlichen Beobachtung von Journalismus. Die Kollektion an Wörtern und Sätzen erweist ihn als einen Experten für Festredner Besorgnis und Bedeutungsbesetzer, für die Meister der unmerklichen Inneren Führung. Um den Enzensberger von anno dazumal zu zitieren: "Durch ihren Namen und in ihren Selbstanzeigen meldet diese Allgemeine Zeitung für präsentieren. Zu fürchten bleibt, daß dieser Anspruch nicht ganz aus der Luft gegriffen ist; ihn aber hinzunehmen und anzuerkennen, dazu reicht unser Pessimismus nicht aus "

Hrsg von Friedrich Christian Delius; Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 192 S, 19 80 DM