Von Hans Schuh

Durch angeschimmelten amerikanischen Mais im Viehfutter und durch pilzbefallenes einheimisches Getreide werden Grundnahrungsmittel wie Milch, Fleisch und Vollkornbrot mit Giften belastet, die zu den potentesten Leber- und Nierenkrebs erregenden Substanzen zählen. Auch wenn Fachleute derzeit (noch) kein bedeutendes Risiko für die hiesige Bevölkerung sehen, so werden doch bei der Gesetzgebung und der Überwachung bedenkliche Lücken deutlich.

Bedingt durch die außergewöhnliche Dürre- und Hitzeperiode war die Maisernte 1988 in den USA nicht nur drastisch geringer ausgefallen, sondern auch derart mit Pilzgiften aus der Gruppe der Aflatoxine belastet, daß ein großer Teil eigentlich nicht hätte in den Verkehr kommen dürfen. In manchen zur US-Kornkammer zählenden Bundesstaaten, insbesondere in Illinois, Indiana und Iowa, ergaben Stichproben, daß ein Fünftel bis ein Drittel der Maisernte über das zulässige Maß hinaus kontaminiert war. Der ohnehin finanzschwachen und durch die Mißernte belasteten Landwirtschaft drohte ein Debakel.

Doch statt die belasteten Chargen aus dem Verkehr zu ziehen, setzte die zuständige Behörde flugs den gültigen Grenzwert von 20 parts per billion (ppb; ein ppb entspricht einem tausendstel Gramm Gift pro Tonne Getreide) kräftig herauf auf 300 ppb. Damit nicht genug. Wie das Wall Street Journal in einem umfangreichen Bericht am 23. Februar darlegte, wurde seitens der Aufsichtsorgane und vieler Händler weitgehend nach dem Motto gehandelt: lax prüfen, möglichst wenig über das Ergebnis reden und den Schwarzen Peter rasch weiterreichen, ohne ihn zu eliminieren.

Die Überwachung durch die zuständige Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA sei lückenhaft und die Verfolgung von Verstößen rar, monierte das Wall Street Journal: "Eine fünf Monate währende Untersuchung des Getreidehandels im Kerngebiet belegt eine verbreitete Ignoranz und Mißachtung der Gefahren, die sowohl die Arbeiter als auch die Konsumenten betreffen." Diese Feststellung wird mit einer Fülle haarsträubender Beispiele belegt. Obwohl die Ladung bei Tests wiederholt als inakzeptabel zurückgewiesen wurde, karrten Lastwagenfahrer mit ihrem Mais weiter von Händler zu Händler, bis sie schließlich einen Abnehmer gefunden hatten. "Wir suchen nicht nach Aflatoxinen", tönte in Iowa jene Person, die für die Überwachung der Getreidespeicher zuständig ist, "wir können doch nicht alle schließen." Zwar wurde der Bundesinspektionsdienst für Getreide aktiv, zog 1558 Proben und fand bei rund der Hälfte gefährliche Aflatoxinmengen. Aber nur zehn Testergebnisse wurden an die zuständige Behörde, die FDA, weitergegeben. Oder es trafen amtliche Analysenresultate erst Wochen nach der Probenahme ein – da war die (stark kontaminierte) Maisladung längst schon weg, für den Export nach Übersee.

Aus Mais werden nicht nur Cornflakes, Mehl Backwaren und zahlreiche Lebensmittel hergestellt. Die hitzebeständigen, geruch- und geschmacklosen Aflatoxine, Stoffwechselprodukte des wärmeliebenden Schimmelpilzes aspergillus flavus, finden auch indirekt Eingang in die menschliche Nahrungskette. Nach einer Faustregel gehen etwa ein bis drei Prozent der Aflatoxine aus Futtermitteln über in die Milch. In Texas mußten bereits rund eine Million Liter aflatoxinhaltiger Milch vernichtet werden.

Da Unmengen belasteten Getreides von Händlern weltweit hin und hergeschoben werden, wäre es ein Wunder, wenn die Bundesrepublik verschont bliebe. Die Nachfrage bei einigen Länderbehörden – Lebensmittelüberwachung ist Ländersache – verlief unbefriedigend, stieß entweder auf Unwissenheit oder Unwilligkeit zur Auskunft. Problembewußt zeigte sich Dr. Rudolf Weber, zuständiger Lebensmittelchemiker beim Berliner Bundesgesundheitsamt (BGA). "Wir knabbern gerade Cornflakes, die wir getestet haben – ohne Befund", meinte er. Hinweise aus einzelnen Bundesländern über aflatoxinhaltige Ware lägen ihm (noch) nicht vor – allerdings gibt es auch keine Berichtspflicht gegenüber dem BGA.