Stuttgart: „Michael Sandle“

„A Twentieth Century Memorial“ ist in der Rotunde des Stuttgarter Kunstgebäudes das Zentrum der Ausstellung. Vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges, mit Disneys Mickymaus, dem Un-Wesen, in der Hauptrolle, reflektiert Michael Sandle hier das Thema der politisch motivierten Gewalt. Man hat diese Plastik des Engländers als Anti-Kriegs-Monument verstehen wollen. So gewiß dies ihren Sinn verkürzt, so gewiß ist sie auf der anderen Seite ein Anti-Monument. Es steht auf einer schwankenden Basis und spiegelt – buchstäblich, in seiner perfekten, blanken Oberfläche – Michael Sandles (so sagt er selbst) „sehr zwiespältige Gedanken über die eigene Aggression“. Aber gerade diese Uneindeutigkeit des Standpunkts macht die Plastik brisant und zwingend. Eben weil die Gewalt in ihr selbst und nicht bloß in einem durch kritische Reflexion gesicherten Abstand zu suchen ist, ist Verunsicherung der Effekt. Ganz überzeugend gelingt sie dem Karlsruher Akademielehrer Sandle allerdings nicht. Denn nach der langen Arbeit am „Twentieth Century Memorial“ besteigt er den Sockel der Kunstgeschichte, und es bginnt die Zeit der echten Monumente. Sandle, den eine tiefe und eingestandene Liebe mit der Skulptur des 19. Jahrhunderts und ihren Denkmälern verbindet, ist sich bewußt, was er riskiert. Seine Arbeit, erklärt er, sei eine „ziemliche Gratwanderung“. Leider, muß man hinzufügen, ist der Absturz programmiert, wo das Bild des Todes in vollendeter Form nur noch Triumphe feiert. Sandle, ein Freund des feinen Schliffes, veredelt seine pessimistischen Weltgedanken in Kompositionen von einer pathetisch schönen Düsternis. Auch die jüngeren, dynamistischen Werke – wie die Symbolgestalt des unheilvollen „Trommlers“, in der sich Kunstgeschichte förmlich staut – sind ehrfuchtgebietende Auftritte einer grundsätzlich „groß“ gedachten Kunst. Da mag das Leben kurz, korrupt und gewalttätig sein, über alle offenbare Verletztheit des Autors hinweg tönt es aus seinen Werken: Lang lebe die Kunst! (Württembergischer Kunstverein bis zum 2. April; Katalog 38 Mark) Volker Bauermeister

Köln: „Gerhard Marcks 1889-1981

Retrospektive zum 100. Geburtstag“

Gerhard Marcks oder das Unbehagen an der deutschen Kunst. Bei den Nationalsozialisten war er verfemt, später vom ästhetischen Diktat der fünfziger, sechziger Jahre unter dem Banner der Abstraktion und dann der Kunst made in USA dem öffentlichen Interesse entzogen. Und ist nun, anläßlich der Retrospektive zum 100. Geburtstag, einer dritten Verachtung preisgegeben? Ein bescheidenes Talent, das durch die Wiedergutmachungsaktion der Rheinmetropole, wo der Künstler nach Kriegsende Wurzeln schlug, (sein Nachlaß fiel freilich an die Stadt Bremen), gewiß nicht zu jener Bedeutung findet, zu welcher sie die Veranstalter so hochherzig emporstemmen. In aller Redlichkeit übte sich Marcks zeitlebens in der Imitatio, blieb aber an Aussagekraft hinter den Vorbildern zurück. Wie weit ist doch der Weg zu Barye, Manzù oder Zadkine. Die umfangreiche Werkschau aus sieben Jahrzehnten, 130 Skulpturen und ebenso viele Zeichnungen und Holzschnitte, bestätigt das Wort vom Gutgemeinten als dem Gegenteil von Kunst in aller Peinlichkeit. Geschmäcklerisch, kunsthandwerklich im figürlichen Schaffen, dem Plastischen wie dem Graphischen, das sehr wohl die immer wieder betonte „aufrechte humanistische Geisteshaltung“, die schwärmerische Verehrung des Griechentums reflektiert, dem jedoch die in Schönheit gebändigte Vitalität jener archaischen Kunst fehlt. Lediglich im Frühwerk des Autodidakten, wie er sich nannte, überzeugen die Tierstudien aus dem Berliner Zoo – der Falke, im feingestrichelten Federkleid, ganz scharfäugig lauernde Wachsamkeit, fand bei seiner Gestaltung in Bronze die Metamorphose zum gültigen Monument (1907). Seine eigentliche Begabung verkennend zog es Marcks zu Höherem, der Darstellung des Menschen, des Kauernden, Stehenden, Betenden, dem Paar, Jüngling oder Mann und Weib. Prometheus oder Schmerzensmann. Richard Scheibe, Georg Kolbe, Lehmbruck waren Wegbegleiter, das Bauhaus bot Dach und Schutz. Befreiung aus der Begrenztheit im Skizzenbuch: die Beinah-Plagiate Feiningers und Klees. In verschämt erotischen Aquarellskizzen wurde Rodin nie erreicht. Das eigentliche Unverhältnis zum menschlichen Körper als Instrument seiner Triebhaftigkeit und Dämonie hat er nur literarisch begriffen. (Josef-Haubrich-Kunsthalle bis 16. April; National Galerie Berlin 14. 7. bis 27. 8.; Gerhard Marcks-Haus Bremen 10. 9. bis 5. 11. (Teil I), 10. 11. bis 14. 1. 1990 (Teil II); Katalog 42 Mark) Ursula Voß