Zwei Jahre nach Kriegsende kaufte ich mir für ein paar Groschen ein Gedichtbändchen mit dem Titel: "Überall ist Wunderland", das ich hüte wie meinen Augapfel. Der Umschlag zeigt eine bunt aquarellierte Zauberwelt mit Segelschiff und Leuchtturm, Krokodil und Flamingo und sonst allerhand exotischem Getier. Joachim Ringelnatz, der Verfasser des Büchleins, offenbar der Seemann im Titelblatt, der seinen linken Arm um die Hüfte einer Nixe geschlungen hält, war mir völlig unbekannt: nun lernte ich ihn kennen mit diesen so frei in Reim und Rhythmus schwebenden Gedichten vom Bumerang und vorn gipsernen Reh, vom Sauerampfer am Bahndamm und vom Suahelischnurrbarthaar am Kattegatt.

Nach Parteilyrik und Blut und Boden Poesie las ich voller Verblüffung diese scheinbar so leichthin fließenden, doch streng und kunstvoll formulierten Verse, in denen vertrackte Logik und kuriose Tragik, Rollentausch und Geschlechterwechsel herrschen: ein männlicher Briefmark liebt eine Prinzessin, der Dichter selbst möchte ein Hecht, ein Floh, ein Seepferdchen sein; ein Tier im Zoo heißt "Thar", doch, fragt Ringelnatz, "der, die oder das Thar? — Wie ernst ich vor dem Käfig war Im "Gedenken an meinen Vater" spricht er zu seiner Geliebten, gibt zu bedenken, was wohl der Vater mit ihr geredet hätte, wenn er ihr Geliebter gewesen wäre, und dann heißt es: Je mehr ich altre und lerne, kommt er mir immer mehr nah.

Prost, Musch, einen Schluck auf den toten Papa!

Jetzt lächelt er jenseits der Sterne.

Musch, das ist "Muschelkalk", die Lebensgefährtin von Ringelnatz. Zwischen 1916 und 1934 hat er ihr Hunderte von Briefen geschrieben, die eben, zusammen mit anderen Briefen, in einer recht umfassenden Auswahl als achter Band des Gesamtwerks erschienen sind.

Muschelkalk, ein bizarrer Kosename für eine Frau: doch es ist müßig, einen Poeten zu fragen, was ihn bewogen haben mag, seine Liebste nicht Schatzi oder Putzi zu nennen, sondern Schneehase, Maulwurf, Muschelkalk. Vielleicht war es das etymologische "Mäuschen" in der Muschel, der "Spielstein" im Kalk. Jedenfalls: was kann der Muschelkalk dafür, daß er so schön und liebenswert, doch männlichen Geschlechts ist?

"Liebster Muschelkalk", schreibt Ringelnatz, "ich vermisse Dich unendlich — mit Dir zu plaudern, was ich sonst keinem sagen kann oder mag — Dich zu umhalsen, auszuzanken ach, tausend Möglichkeiten und Menschlichkeiten Dabei bleibt er: er selbst nennt sich in einem Brief mehr Mutter als Vater seiner "Schreibereien", und immer wieder weht dieser Hauch von Geschlechtertausch durch sein spielerisches Denken. Mit Grazie wirft er den hauchfeinen Schleier skurriler Bemerkungen über sein Leben, damit es sich als leicht oder leichtfertig ansehen möge.