Der Zwang, sich für einen Staat zu entscheiden, erschwert den Fahnenwechsel

Von Christian Wernicke

Mahmut Erdem bleibt gelassen und quittiert die Aussage des CDU-Vertreters auf dem Podium mit einem gnädigen Lächeln und fünf Worten: "Das ist einfach nur dumm." Der Diskutant auf der Bühne nestelt nervös an Krawatte und Notizen herum; seine Belehrung, Menschenrechtsverletzungen in der Türkei seien eben auch "in der orientalischen Mentalität verwurzelt", erregt die studentischen Zuhörer, die an diesem Abend ins Göttinger Szene-Kino "Lumiere" zu einer Veranstaltung von amnesty international gekommen sind. Erregte Zwischenrufe, die Aufforderung zur "Entschuldigung bei den türkischen Gästen im Saal", selbst die angedrohte "Strafanzeige wegen Volksverhetzung" bewegen den jungen Unionspolitiker nicht, seine Erklärung von Folter und Unterdrückung in Anatolien zu revidieren. Mahmut amüsiert sich: "Eigentlich bin ich ja Türke – aber seit dem 28. Februar kann ich seine Entschuldigung ja nicht mehr annehmen."

Seit jenem Tag besitzt er die deutsche Staatsbürgerschaft, dokumentiert durch Formblatt Nummer 10 001: Mattgrün, mit einem Bundesadler als Wasserzeichen, bestätigt die Einbürgerungsurkunde, daß Mahmut Erdem, geboren am 1. Januar 1963 in Gemerek/Türkei, mit Aktenzeichen 301.11020/1-Er vom Amt für öffentliche Ordnung der Stadt Göttingen zum Deutschen im Sinne des Grundgesetzes erklärt worden ist. Der 26jährige Jurastudent, seit seinem achten Lebensjahr in Niedersachsen aufgewachsen, hat damit einen Schritt vollzogen, den nur wenige seiner (ehemaligen) Landsleute wagen. Das weiß Mahmut aus eigener Erfahrung, das belegt auch die Statistik. Von knapp 900 000 Türken, die nach einem Inlandsaufenthalt von mindestens zehn Jahren ihre "Einbürgerung nach Ermessen" beantragen könnten, bemühten sich zwischen 1973 und 1986 nicht einmal ein Prozent, genau 8166, um einen deutschen Paß. Zwar steigt Jahr für Jahr die Zahl jener Ausländer, die ihre Antragsformulare mit Aussicht auf Erfolg ausfüllen könnten, die Zahl der Einbürgerungen stagniert jedoch bei gut 14 000 pro Jahr. Der Anteil der Einbürgerungswilligen unter den -berechtigten sinkt also, trotz einer statistisch hohen Erfolgsquote: Weniger als fünf von hundert Einbürgerungsanträgen werden abgelehnt; aussichtslose Ersuchen stoppen die Behörden meist schon in persönlichen Vorgesprächen.

Über die Gründe dieser Zurückhaltung spekulierte Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann noch im vergangenen Jahr, als er eine Große Anfrage der SPD-Fraktion beantwortete: "Starke nationale, kulturelle und religiöse Bindungen an ihre Heimat" im allgemeinen, "soziale Zwänge", "eine weitgehende Angleichung in der Rechtsstellung von Ausländern und Deutschen", "die Forderung nach Aufgabe der bisherigen Staatsangehörigkeit" und "die Furcht vor Schwierigkeiten bei Besuchen in der Heimat", insbesondere bei Kindern und Enkeln angeworbener Arbeiter, stünden einer Einbürgerung im Wege. Eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung, die der CSU-Minister ergänzend zitierte, konkretisiert die Motive für das Zögern, die Fahne zu wechseln: 38,7 Prozent wollen lieber Staatsangehörige ihres Heimatlandes bleiben, 23,6 Prozent irgendwann zurückkehren, 13,8 Prozent verweisen auf den bundesdeutschen Zwang, die bisherige Staatsbürgerschaft aufzugeben.

Genau dieser Grundsatz der Vermeidung von Mehrstaatigkeit machte auch Mahmut Erdem "die ganze Sache sehr, sehr schwer". Sein fast dreijähriges Einbürgerungsverfahren widerlegt exemplarisch Zimmermanns "Erkenntnis, daß Mehrstaatigkeit grundsätzlich nicht im Interesse der Staaten und der Bürger liegt". Politiker wie der CDU-Abgeordnete Manfred Langner, der mit Blick auf das Ausländerwahlrecht "demokratiewidrige Fremdbestimmung" fürchtet und fordert, "wer mitbestimmen will, muß Mitglied sein", verlangen von Ausländern den Bruch mit Heimat, Familie und sozialer Identität. Und die Praxis zeigt, daß die Entlassung aus der bisherigen Staatsangehörigkeit oft zu einem Spießrutenlaufen auf Konsulaten und bei den Heimatbehörden gerät.

Konflikt mit der Familie