Von Nina Grunenberg

Aspasia hieß die Hetäre, die in dem athenischen Staatsmann Perikles die Lust zum Tanzen weckte. Noch Daumier reizte es, mit dem Zeichenstift nachzuempfinden, wie der Weise Hände und Füße im Takt bewegte und sich dabei selbstvergessen zum Narren machte.

Die Zeiten änderten sich, doch dem berühmten Motiv konnten die Jahrhunderte nichts anhaben. Als Andreas Papandreou, der griechische Regierungschef, am vergangenen Sylvesterabend auf einer privaten Party in seinem Hause zu tanzen begann, hieß seine Aspasia "Mimi" und war eine 35jährige üppige Stewardeß, die er 1984 auf dem Flug zum Begräbnis von Indira Gandhi kennengelernt haben soll. Weil die Griechen dem Bedürfnis selten widerstehen können, der ganzen Welt vorzuführen, was ihnen selber Genugtuung verschafft, war bei der Sylvesterparty auch ein Photograph zur Stelle. Sein Bild zeigte Papandreou als einen von Krankheit gezeichneten, versonnen lächelnden Greis, der solo und in sich versunken Sirtaki tanzte.

Niemand behauptet, daß "Mimi" ein auf Griechenland beschränktes Thema wäre. Auch gehört eine Mätresse in Athen bis zum heutigen Tag eher zum guten Ton als zum schlechten. Mit Unbehagen wurde allerdings schon bald registriert, daß sich der Regierungschef nichts daraus machte, seine 64jährige Frau Margaret, mit der er 38 Jahre verheiratet war und vier Kinder hatte, in aller Öffentlichkeit zu demütigen. Sie habe ihm nicht einmal ein Ei gekocht, behauptete er, sondern sei mit ihrer feministischen Frauenpolitik beschäftigt gewesen. "Mimi" dagegen bereitete ihm seine Leibspeisen zu. Mit Spott reagierte die Öffentlichkeit, als Dimitri Liani in einer zornigen Presseschelte zu erklären versuchte, in ihr und ihrem Freund Andreas – der saß dabei und soll nachdenklich genickt haben – sei der Geist der Aspasia und des Perikles wiederauferstanden. Das ging etwas zu weit. Die eher vulgär wirkende junge Frau mit der rotblonden Löwenmähne habe weder die Schönheit, die Thukydides der Aspasia nachrühmte, noch deren hohe Bildung, meinten die Griechen.

Gar nicht mehr zum Lachen fand die Öffentlichkeit, daß Papandreou aus Liebe zu seiner Freundin an jenem Sylvesterabend zum ersten Mal dem traditionellen Festessen mit den Chefs von Heer, Luftwaffe und Marine fernblieb. Der Affront ersparte ihm die frontale Auseinandersetzung mit den Militärs, die ihm und seiner Regierung vorwarfen, sich für die Vergabe von Rüstungsaufträgen schamlos hohe Provisionen verschafft und auf Schweizer Bankkonten in Sicherheit gebracht zu haben. Als Konsequenz aus solchen dunklen Transaktionen waren 40 Mirage-Kampfflugzeuge, die die Griechen kauften, für sie doppelt so teuer wie für andere Käufer.

Schon Mitte Dezember war der stellvertretende Verteidigungsminister zurückgetreten und hatte seinen Schritt mit dem "Höhepunkt der politischen Fäulnis" an der Spitze des Staates begründet. Wie dünn das Eis ist, auf das der griechische Staat sich gründet, wurde um diese Zeit täglich deutlicher. Einen Monat zuvor war der 34jährige Finanzjongleur Georgios Koskotas – sein Name ist heute zum Kürzel für den größten moralischen, politischen und wirtschaftlichen Skandal Griechenlands seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges geworden – bei Nacht und Nebel verschwunden. Die Freunde, die ihm zur Flucht per Schiff verhalfen, waren einflußreicher als die hundert Polizisten in dreißig Streifenwagen, die Koskotas bewachen sollten.

Inzwischen sitzt der dickliche junge Mann im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts im Gefängnis und fürchtet die griechischen Rachegötter. Weil er die Rolle des Sündenbocks nicht allein auf sich nehmen wollte, fing er vorsichtshalber an, seine Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Für die Reporter des amerikanischen Nachrichtenmagazins Time war es eine Sternstunde. In sechs langen Sitzungen malte er ihnen ein Sittengemälde, das seinesgleichen an Korruption, Unterschlagung und Betrügereien sucht und Griechenland als ein Land vorführt, das sich von der türkischen Feudalherrschaft geistig noch immer nicht befreit hat.