Der sogenannte Koskotas-Skandal begann vor knapp fünf Monaten mit der Enthüllung, daß aus der staatlichen Bank von Kreta rund 210 Millionen Dollar versickert waren. Es hatte sich um Einlagen aus staatlichen Betrieben gehandelt. Kurz bevor der Betrug entdeckt wurde, hatten 14 staatliche Unternehmen auf einen Schlag noch einmal 50 Millionen Dollar bei der Bank deponiert.

Sechs Kabinettsmitglieder sind aufgrund des Skandals inzwischen zurückgetreten. Das Ansehen von Andreas Papandreous Panhellenistischer Sozialistischer Bewegung (Pasok), deren führende Funktionäre bis zur Halskrause in die Betrügereien verwickelt sind, hat schwer gelitten. Das Ziel des Volkszorns ist in zunehmendem Maße der 70jährige Regierungschef selber, der jedoch abstreitet, von den kriminellen Machenschaften gewußt zu haben. Er macht eine in- und ausländische Konspiration verantwortlich, die darauf aus sei, "Griechenland und seiner sozialistischen Regierung zu schaden".

Dagegen behauptet Koskotas, daß der Ministerpräsident persönlich anordnete, die Bank von Kreta auszuplündern. Authentizität verleiht seinen Worten, daß Koskotas seine eigene Rolle bei dem Riesenschwindel ebenfalls schildert. In einem kometenhaften Aufstieg hatte er es bis zum Direktor der Bank von Kreta gebracht und das kühne Spiel mitersonnen. Vor drei Jahren fing es an: Staatsbetriebe wie die Post oder die staatlichen Verkehrsbetriebe mußten ihre Gelder von den großen Banken abziehen und der Bank von Kreta übertragen, die damals noch die kleinste im Lande war. Dort sorgte Koskotas dafür, daß die Regierungsgelder mit nicht mehr als zwei oder drei Prozent verzinst wurden, dem geringsten Satz, der noch erlaubt war. Bankguthaben werden in Griechenland normalerweise mit 15 Prozent verzinst. Die Differenz wurde "abgesahnt" und über dunkle Kanäle direkt an die Politiker verteilt. Betriebsprüfungen, insgesamt sollen 50 Anträge auf Überprüfung gestellt worden sein, würgten Pasok-Funktionäre höchstpersönlich ab. Zweimal soll Papandreou selber telephonisch eingegriffen haben. Im Sommer 1988 gelang es der Regierung sogar, einen speziellen secrecy act durchzusetzen, mit dem Koskotas noch einmal die Vertraulichkeit des Bankgeheimnisses garantiert wurde. Als Gegenleistung, so Koskotas, mußte er dem stellvertretenden Premierminister Koutsogiorgas, der das Gesetz auf seine Kappe genommen hatte, zwei Millionen Dollar zahlen. Die Geldübergaben erfolgten oft in Pampers-Kartons.

Die Korruption muß sich nach dem Wahlsieg entwickelt haben, den Papandreou 1985 errang und mit dem er seine Herrschaft über Griechenland weiter festigte. Es war "dem Namen nach eine Demokratie, in Wahrheit die Herrschaft des ersten Mannes": Die Worte, mit denen Thukydides den Regierungsstil des Perikles beschrieb, als der die Geschicke Athens lenkte, passen ebensogut auf Andreas Papandreou. Nur scheint das Volk inzwischen seiner Herrschaft müde zu sein.

Wehe ihm: Die griechischen Furien, die jetzt losgelassen sind, kennen kein Erbarmen mehr. Die Anti-Papandreou-Demonstrationen, die Athen täglich lahmlegen, machen deutlich, daß selbst für levantinische Verhältnisse die Toleranzschwelle überschritten ist. Die Grausamkeit und Brutalität, mit denen Papandreous private Verhältnisse von Karikaturisten aufs Korn genommen und in den Revuetheatern der Hauptstadt unters Volk gebracht werden, lehrt züchtige Nordeuropäer das Zähneklappern. Sein Unglück will es, daß die Skandale, die sich die Nomenklatura leistet, mit einem fühlbaren Minus an allgemeiner Wohlfahrt zusammentreffen. Die Wirtschaft des Landes liegt im Argen. Die zehn Millionen Griechen ächzen unter der Inflation und unter realen Einkommensverlusten. Die Luftverschmutzung hat in Athen die Grenze des Erträglichen schon lange überschritten. Die Leichtfertigkeit, mit der die Regierung dem Terrorismus entgegentrat, bezahlen die Griechen heute mit einer zunehmenden Zahl von Terroranschlägen.

"Er flüchtet sich in das Verhältnis zu diesem Mädchen", soll ein alter Freund über Andreas Papandreou gesagt haben, "um den tristen Realitäten zu entkommen." Die visionären Träume von einer Staatserneuerung, die den Regierungschef 1981 beflügelten, sind längst vergessen. Als er damals mit dem alten System aufzuräumen versprach, war er der "Gott" und "Held" der Griechen. "Papandreou verkörperte die jahrhundertealte hellenische Frustration und Sehnsucht nach nationaler Eigenständigkeit", schrieb Andreas Kohlschütter einmal über ihn, "die Suche nach verschütteter Identität, nach Wiedergutmachung für historische Demütigung, das Hin- und Hergerissensein zwischen antikem Stolz und den Minderwertigkeitskomplexen eines modernen Spätentwicklers." Nach sieben Jahren hat sich Papandreou an den harten Klippen der Realität erschöpft. Groß und beflügelnd fing er an, er wollte Geschichte machen. Das Ende spielt sich in der Polit-Gosse ab. Gemessen an dieser Tragödie scheint das dolce vita in den Armen Mimis nur ein trauriger Trost zu sein, und nur eine läßliche Sünde.