Vergangenheit gegenwärtig, gar "lebendig" machen: Das Unterfangen hat keinen guten Leumund mehr; man hatte auf diesem Wege Geschichte in Dienst genommen, hatte sie einer dreisten Gegenwart zum Fraß dargeboten. Im Bruch mit solcher unseligen Tradition sind die Historiker auf Distanz gegangen; sie huldigen einem historiographischen V Effekt, entfachen in ihren Büchern allenfalls kleine Feuer kühler, spröder Eleganz und vergessen selten, die Fremdheit ihres Gegenstands hervorzuheben. Das hat Vorteile: der Angriff der gegenwärtigen auf die vergangene Zeit unterbleibt, und sehr vorsichtig wird mit der tiefverwurzelten Idee umgegangen, die Geschichte könne "Sinn" nur ergeben als ein im Prinzip unumkehrbarer Prozeß der Akkumulation von Fortschritten. Vergangenheit erscheint nun nicht mehr als die — rührende oder dunkle — Kindheit der Gegenwart: es wird ihr ein Maximum an eigenem Recht eingeräumt.

Diese notwendige Kurskorrektur ist auch mit Verlusten verbunden: Nicht selten versetzt sie vergangene Gedanken und Taten in eine eigentümliche Starre. Streng einer keuschen Methodik folgend, versagen sich Geschichts- und Geisteswissenschaften jeglicher Einfühlung in ihren Ge genstand und seine Epoche. Indes, es geht auch anders: Das beweisen auf brillante und riskante Weise drei Studien Jean Starobinskis, die kürzlich — lange nach ihrer Premiere im französischen Original — fast zeitgleich in deutscher Übersetzung herausgebracht wurden. Sie sind von bestechender Eleganz, fast Leichtigkeit, dabei aber überaus ehrgeizig angelegt. In "Die Erfindung der Freiheit" und "1789. Die Embleme der Vernunft" geht es um nichts Geringeres als ein Portrait eines ganzen Jahrhunderts — des 18, jenes Jahrhunderts also, in dem das genauere Umrisse angenommen hat, was wir Moderne nennen; und mit seiner berühmten Studie über Rousseau unternimmt Starobinski den Versuch einer keine Seite der Widersprüche privilegierende Deutung des Kontinents Rousseau — jenes literarischen Universums also, in dem wohl fast alle Größe wie Pathologie jenes Wesens angelegt ist, das wir das moderne Individuum nennen.

Das 18. Jahrhundert hat keinen besonders guten Ruf. Immerhin verdanken wir ihm einiges von dem, worauf sich gerade die Kräfte des Fortschritts gerne berufen: der Aufklärung gelang der Durchbruch, ein fast prometheisches Selbstbewußtsein des Menschen schuf sich Raum; und am Ende des Jahrhunderts steht die große Französische Revolution, die vielen als die Geburtsstunde moderner Freiheit gilt. Die Schalkhaftigkeit im Umgang mit dieser Epoche mag damit zu tun haben, daß die neue Zeit des Lichts von Beginn an auch von ihrer hybriden Verdüstqrung geprägt war, daß dieses Jahrhundert der Freiheit auch das des Absolutismus, seines brachialen Reformismus und seiner oberflächlich tändelnden Kultur war. Zu deutlich erkennen wir in ihm nicht nur unsere Errungenschaften, sondern auch unsere Aporien. Mit Leidenschaft plädiert Jean Starobinski in seiner schmalen Studie "Die Erfindung der Freiheit" für eine Abkehr von dieser Sichtweise. Gleich zu Anfang schreibt er: "Wir müssen das 18. Jahrhundert von seiner Legende befreien. Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich das bürgerliche Europa das Bild eines eleganten und frivolen 18. Jahrhunderts ausgemalt: frei in seinen Sitten, wachen Geistes, schuldvoll und lustvoll einem sorglosen Fest hingegeben ( ) Geben wir diesem Jahrhundert seine verwirrende Vielfalt, seinen Ernst, seine Vorliebe für die hohen Grundsätze und für die tabula rasa, zurück, und wir werden hinter allen Unternehmungen und Problemen unserer eigenen Zeit seine Gegenwart entdecken "

Einfühlende Emphase in einem altmodischen Sinn kennzeichnet Starobinskis Unterfangen; fast offensiv verzichtet er auf die obligate sozialgeschichtliche Grundierung und beschränkt sich darauf, "die vielfältigen Beziehungen zwischen einer sich eben erst befreienden Kunst und einem anspruchsvollen Denken zu entziffern, welches die Kunst zu verstehen, zu leiten, zu inspirieren versucht".

Ein Gutteil der intellektuellen Faszinationskraft Starobinskis rührt von einem Konflikt her, der dem Autor die Feder führt: er ist auf der Suche nach dem einen Bewegungsgesetz, nach der Signatur — und sieht sich doch veranlaßt, auf ein Zentrum zu verzichten. Mit wachem Gespür jeder Forcierung aus dem Weg gehend, wird ihm die Formulierung des Gesetzes unter der Hand zur Erzählung, zur Vergegenwärtigung. Andere Autoren schleppen die Vergangenheit vor den Richterstuhl der Gegenwart; Starobinski geht umgekehrt vor: unerschrocken bedient er sich des von allen kritischen Geistern geschmähten Instruments der Zeitmaschine. Er setzt den Leser buchstäblich der Vergangenheit aus; dieser findet sich in einem Labyrinth wieder, in dem er in steter Folge von These zu Gegenthese, von Motiv zu Gegenmotiv, von Klarheit und Transparenz zu Unklarheit und Undurchsichtigkeit geleitet wird. Starobinski verstsht es, die geistigen Kräfte des Jahrhunderts in Probleme auch unseres Jahrhunderts erkennt, dinn nicht, weil hier die Fragen der Gegenwart riide in die Vergangenheit zurückprojiziert werden: Starobinski macht nur begreifbar und fühlbir, daß diese Vergangenheit nie vergangen ist. Freiheit: das ist die Signatur, die Starobinski dem Jahrhundert gibt. Diese Freiheit hat jedoch viele Gesichter: es ist die Freiheit des scheinbar leichtfüßigen Libertins ebenso wie die des Bürgers, der vom Wunsch nach Besitz und manchmal auch nach der republikanischen Gemeinschaft Gleicher getragen ist; es ist die Freiheit des absolutistischen, vorerst noch mit einem unwiderstehlichen Willen ausgestatteten Fürsten ebenso wie die der Künstler, Wissenschaftler und Enzyklopädisten oder jener schönen Seelen, die auf der Suche nach Natur und Idyll — der Harmonie von Mensch und Welt — sind.

Das Jahrhundert erscheint erschüttert von einem Aufbruch ohnegleichen: es hat die Vorstellang von einer auf die Zukunft hin offenen Geschichte hervorgebracht, es hat die an social, die Gesellschaftskunst, entdeckt: erstmals wird die Gesellschaft folgenreich als ein Gebilde wahrgenommen, in das Menschen planend, korrigierend und neuschaffend eingreifen können, es "macht sich, wer auch immer eine Feder in der Hand hält, zum Gesetzgeber". Man ist dem gebieterischen Wirken der Naturgesetze auf der Spur — sieht in ihnen aber gerade keine Einschränkung des menschlichen Willens: Dank der Wissenschaft kann der Mensch auf den natürlichen Ablauf von Ursache und Wirkung Einfluß nehmen. Es entsteht ein Stil des Willens, das Leben "finalisiert" sich; die Schaffung neuer Welten wird erwogen — die Geometrie des Gesellschaftskörpers gehört genauso dazu wie die Erfahrung, eine Welt des Gefühls schaffen zu können.

Ein bisher ungeahntes Selbstbewußtsein kommt auf, ein "Voluntarismus prometheischer Art". Stalobinski schreibt: "Eine Bresche öffnet sich, durch welche die Kräfte endlich in der sozialen Welt Anwendung finden können, in der konkreten Wirklichkeit, in einem Raum, den man erobern und beherrschen kann Noch ist es ein Aufbruch in der Unschuld des ersten Tages — doch mitnichten ein naiver, ungebrochener: das auf die Wahrheit versessene Jahrhundert liebte nicht minder Ironie, Zweideutigkeit und Anspielung, also die Künste des Indirekten, des Abstands, der Distanz.