Von Harry Pross

Gedächtnis ist eine Voraussetzung unseres Wissens, das im Alter mit der Gedächtnisabnahme schrumpft. Erinnerungen aber beleben sich eben dann. Sie haben ein ganzes gelebtes Leben, nicht jedoch bloß Gedächtnis zu ihrer Voraussetzung." So einer der Aphorismen, die Joachim Günther in seine Vierteljahresschrift Neue Deutsche Hefte einzustreuen pflegt. Sie stehen dort am unteren Rand nicht ganz gefüllter Seiten, ähnlich wie früher in den Zeitungen das Feuilleton "unterm Strich" das Blatt ausbalancierte: Merksatz, Kontrapunkt, Ausblick je nachdem...

Günther vollendete am 13. Februar das 84. Lebensjahr und ist unter den deutschen Zeitschriftenherausgebern wohl der älteste Aktive. Als er mit Paul Fechter 1954 die Neuen Deutschen Hefte gründete, hatte der promovierte Literaturwissenschaftler gerade ein theologisches Zweitstudium hinter sich. In seiner Zeitschrift setzte er auf Überlieferung und Kritik der Uberlieferung mit bewährten Maßstäben. So war es, als der inzwischen verstorbene Rudolf Hartung die Kritischen Blätter in den NDH redigierte, so ist es geblieben, seitdem Joachim Günther das Unternehmen mit großen Opfern allein betreibt, als Familienunternehmen sozusagen, nicht unähnlich einem traditionellen Handwerksbetrieb, wo der Geschäfts- und Familienhaushalt ineinander übergehen, und weder das "Zeitbudget" noch der Küchenzettel für sich gerechnet werden können.

Im Lauf der Jahre hat das eine spezifisch berlinische Färbung erhalten, die es sonst nirgendwo gibt. Als die Neuen Deutschen Hefte zum 85. Geburtstag von Marlene Dietrich 1986 ihre Gratulation überschrieben "Eine konservative alte, Dame aus Berlin", war das Erinnerung, nicht Gedächtnis. "Man" kannte sich aus den zwanziger Jahren. Des Philosophen Hans-Georg Gadamer Vortrag über "Die deutsche Philosophie zwischen den Weltkriegen" lebt ebenso von der Erinnerung, aus dem "gelebten Leben", nicht aus dem Gedächtnis (Heft 195). Heft 3/1988 begann mit einem Aufsatz von Michael Landmann über Werner Kraft als Deuter Rudolf Borchardts und Stefan Georges, es endete mit einem verspäteten Nachruf auf Landmann. Einen Nachruf könnte man auch den Beitrag von Michael Schwarz über die hinterlassene "Selbstzensur" des ehemaligen Kulturministers der DDR, Johannes R. Becher, nennen, die im Juni/Juli 1988 in der Ostberliner Literaturzeitschrift Sinn und Form zutage kam.

"Nicht gedacht soll ihrer werden" heißt es bei Heine; aber sie leben in der Erinnerung, die vor 30, 40, 50 Jahren Figuren der Zeitgeschichte waren. Sie leben, solange noch jemand lebt, der sie erlebt hat, und davon gibt es unter den Autoren der NDH noch erstaunlich viele. Günther bereitet die Gedächtnisarbeit der Nachkommenden vor, indem er sich erinnert. Dank dafür. Erinnern verbindet das Vorhergedachte mit dem Nachgedachten, und wenn es gut ist, wie hier, stimmt es nachdenklich.

1989 wird, wie das Vorjahr 1988, ein Gedenkjahr sein und voller unguter Erinnerungen. Frankreich, das heuer seine Revolution von 1789 feiert, wird schon im Jahr darauf die Niederlage von 1940 erinnnern, die mit dem "gelebten Leben" des 1889 im österreichischen Braunau/Inn gebotenen, sattsam bekannten Gegenrevolutionärs ursächlich zusammenhängt. Er vollendete 1939 sein 50. Lebensjahr und löste den Zweiten Weltkrieg aus wie ein Geburtstagsfeuerwerk. Waren die Österreicher nicht schon 1789 dagegen gewesen? – Man sieht, wie die Spekulationen mit der Zahlenmystik des kalendarischen Rituals das Gedächtnis in die Irre führen kann.

Gleichwohl haben wir uns in der Magie der "runden Zahlen" verfangen. Das "Sonderheft 1938" des Journals für Ästhetik Zeitmitschrift, das dreimal jährlich im Verlag "Ästhetik Büro" (4 Düsseldorf, Mannesmannufer 9) erscheint, dokumentiert die "Praxis des Vergessens" anhand zweier Ausgaben des Romans "Der große Janja" des oberschlesischen Heimatdichters Arnold Ulitz. Der Autor, Olaaf Haas, sollte zum 100. Geburtstag von Ulitz sprechen. Bei der Vorbereitung stieß er auf eine strikt antisemitische Ausgabe des Romans von 1939 und die radierte von 1953, ein Dokument der Verdrängung. Die Herausgeber des Oberschlesischen Jahrbuchs lehnten 1988 den Text von Haas über Ulitz ab, und so kommt er in der Zeitmitschrift neben einen Aufsatz von Claus-Eckehard Bärsch über Hitlers Hofpoeten, "Das ‚Dritte Reich‘ des Dichters Dietrich Eckart", und vor einen Essay von Jean-Fran,cois Lyotard, "Die Juden", zu stehen.

Da heben wir also das Gedächtnis, das Verdrängen und das Erinnern literarisch nebeneinander, wie es sich gegenwärtig und handgreiflich politisch in Osteuropa auf den Straßen abspielt. Polizeigewalt gegen das Erinnern an die tschechoslowakischen Ereignisse vor 20 Jahren und vielleicht ein "Frühling" ’89 wo er ’68 unterdrückt wurde?

Ein Editorial der Monatsschrift OstEuropaForum aktuell, (Junius Verlag, Hamburg, Dezember 1988) vermutet zum "Gründungsfieber" von Clubs, Vereinen, Parteien, Bewegungen in den Staaten des Warschauer Paktes, es sehe "fast so aus, als finde in der östlichen Hälfte Europas eine verspätete bürgerliche Revolution statt. 1648 – London; 1776 – Philadelphia; 1789 – Frankreich; 1848 – Frankfurt; 1988 – Osteuropa? Das wäre zu einfach und würde den Blick auf die Besonderheiten der – im übrigen gar nicht so neuen – osteuropäischen Debatte um die civil Society verstellen. So vage die dortigen Vorstellungen uns scheinen mögen, deutlich ist, daß der Parteigesellschaft eine bürgerlich verfaßte, pluralistische Gesellschaft entgegengestellt wird, die sich derzeit massiv ihre Bahn bricht. Diesen Prozeß zu verfolgen und zu dokumentieren halten wir für wichtig."

Ganz recht. Es grünt auch in Osteuropa; aber der humanitäre Fortschritt gleicht einer Springprozession. Er verläuft nicht linear wie der technische, und auch die fortschrittlichsten Tänzer verwechseln häufig ihre Füße. OstEuropaForum aktuell hat es bisher auf 23 Nummern gebracht. Man sollte diese Zeitschrift für Politik und Kultur in Mittel- und Osteuropa im Auge behalten. Sie dokumentiert "gelebtes Leben".

"Zeit der Revolution – Revolution der Zeit" überschreibt Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer seinen Essay über die Macht des "Ereignisses" Revolution in der Zeit, deren Verständnis das "Ereignis" wandelt. Bohrer untersucht das "neuartige revolutionäre Zeitbewußtsein" an den Schriften von Friedrich Schlegel und Heinrich Heine. Die unterschiedlichen Perspektiven der Schriftsteller, die eine Generation auseinanderliegen, zeigen beim älteren Schlegel, wie die erlebte Revolution im Gedächtnis systematisiert wird, und beim jüngeren Heine, wie er das Gedächtnis der Revolution in sein "erlebtes Leben" umsetzte, das ja die "Nachfolgerevolutionen" von 1830 und 1848 enthielt.

Bohrer denkt darüber hinaus. Mit Jean Marie Domenach, dem früheren Herausgeber der Zeitschrift Esprit, der das Januarheft des Merkur stilistisch klar und politisch einleitet, erteilt er der messianischen Idee vom Ziel der Geschichte eine Absage und spricht sich für eine "emphatische Hermeneutik der Gegenwart" aus.

Hermeneutik ist die Kunst der Auslegung ursprünglich der Schriften, jetzt der Sprache überhaupt, von der Gadamer in den zitierten NDH sagt, sie sei das "Element in dem wir leben und das all unser Denken umhüllt ... ein letztes Daheim- und Zuhausesein, ein Unvordenkliches... und dieses ist die ganze Welt noch einmal, von innen".

Danach könnte man sagen, Erinnern bringt das Gedächtnis zur Sprache, und das ist ja wohl auch der Sinn des schönen Aufsatzes von Christine Scherrmann im Merkur vom Januar 89. Sie gedenkt der Bürgerin Marie-Jeanne Roland, einer aus der "Lesewut der Frauen" im 18. Jahrhundert herangewachsenen Republikanerin, die, wie ihre Zeitgenossin Olympe de Gouche, hingerichtet wurde. Die Rolle der Frauen im großen Maskenspiel der Revolution ins Gedächtnis zu rufen, macht die Gegenwart verständlicher. Für den spanischen Philosophen Ortega bestimmten gar die Träume, die Mädchen in keuschen Kammern ersinnen, den Lauf der Weltgeschichte. Das Ergebnis spräche nicht für die Träumerei. Die Revolution geht weiter, vielleicht war die europäische von 1648 bis heute "ein Vorspiel nur".

Will man das in Betracht ziehen, sollte man die Warnungen vor allzu vielen Gedenktagen beherzigen, die der Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer im Merkur vorbringt: "Bereits die Vielzahl der erinnerten Vergangenheiten sorgt dafür, daß die eine letztlich so gleichgültig ist wie die andere ... Mit dem Gedenktag naht die Vergangenheit, mit ihm vergeht sie wieder." Ich würde sagen: Dem Zwang des Kalenders folgend, hebt Erinnerung das Gedächtnis ins Leben. Der nächste Tag verdrängt es wieder. Die Vergangenheit bleibt, was sie ist: vergangen.