Erkundungen in Jerusalem, Landkreis Soltau-Fallingbostel

Von Markus Asam

Scheint so, als ob keiner da ist in Jerusalem. Die Häuser ducken sich unter den gammeligen Himmel, der nicht Manna spendet, sondern Nieselregen. Auf dem Mittelstreifen der Hauptstraße hockt eine gestreifte Katze und leckt ihr struppiges Fell, beäugt von einer glatten Krähenschönheit an der Böschung. Nirgendwo ein Mensch, der die beiden stört.

Das Volk von Jerusalem wurde von der Armee Nebukadnezars nach Babel verschleppt. Das ist jetzt 2500 Jahre her und passierte in Palästina. Das Jerusalem, auf das gerade der Nieselregen fällt, liegt in der Lüneburger Heide und wurde am 17. April 1945 von den Engländern erobert, wobei ein Bomben-Volltreffer die Scheune des Landwirts Riebesehl zerlegte. Aber das ist auch lange her, und niemand befindet sich in Gefangenschaft. Im Stall klirren die Kühe leise mit ihren Ketten, Rasse „Holstein-Friesen“, hohe Milchleistung. Das Dorf wirkt so verlassen, weil man um diese Zeit gewöhnlich Kaffee trinkt.

„Und die Gassen der Stadt waren lauteres Gold ...“ (Lutherbibel, Offenbarung Kap. 21, das neue Jerusalem). Der Landwirt Riebesehl sitzt in der guten Stube und zählt: „Neun Häuser auf der linken Seite, elf auf der rechten.“ Jerusalem hat nur eine Straße, aber die ist immerhin breit und geteert, wenn auch nicht mit Gold gepflastert. Eine Bundesstraße, an der sich die Häuser langziehen, in denen 70 Menschen wohnen. Es gibt eine Geschwindigkeitsbegrenzung, aber die Autos beschleunigen eher bei der Durchfahrt. Riebesehls Hof hat die Adresse Jerusalem Nr. 23, und zwei seiner Söhne sind im Vorschulalter angefahren worden.

„Jerusalem, hebräisch Yerushalayim, arabisch El Kuds, 425 000 Einwohner ... rasch wachsende Industrieviertel.“ (Knaurs Konversationslexikon). Jerusalem gehört zur Gemeinde Neuenkirchen, Landkreis Soltau-Fallingbostel, und die jungen Leute aus dem Dorf ziehen weg in die Städte, wo die Industrieviertel rasch wachsen. Es gibt acht Neben- und nur mehr zwei Vollerwerbsbauern, aber Riebesehl hat noch Hoffnung, daß sein jüngster Sohn den Hof übernimmt, obwohl er im Moment lieber Fußball spielt.

Woher der Name kommt? Riebesehl dehnt die Miene, als ob er die Pointe für einen alten, aber guten Witz suchte. Man erzählt, daß in vergangenen Zeiten die Viehhändler sich für die Durststrecke durch das langgezogene Dorf stärkten, indem sie vorher die drei Kneipen des Nachbarortes Tewel frequentierten. Jener „Weg der Barmherzigkeit“ mußte in einer Siedlung mit passendem Namen enden – in Jerusalem, wo es nie eine Wirtschaft gab. „Das ist auch gut so, denn der Alkohol hat viele Höfe ruiniert“, murmelt Riebesehl, der sich zwar um die Zukunft sorgt, jedoch mit der ruhigen Zuversicht eines im eigenen Grund und Boden verwurzelten Mannes.