Ruhe bewahren, stillehalten, die durch die Lektüre und deren Folgen verursachte Schlaflosigkeit während der Nacht durch Tagschlaf wettmachen. Oder einen Tag lang einfach nur durch die Straßen gehen, hier, Paris, wo man wohnt, Montaigne beschwören, stillehalten, den Brief an die ZEIT, den man schon aufgesetzt hat, noch mal zur Seite legen. In dem Brief steht: Ich habe nach einigem, gelinde gesagt, Luftholen auf Seite 38 das Buch beiseite gelegt, es ist ein dummes, schnoddriges und extrem schlecht geschriebenes Buch. Gestern ist Thomas Bernhard beerdigt worden, vorgestern hat der Ajatollah in Teheran Millionen von Dollar ausgelobt für denjenigen, der den Schriftsteller Salman Rushdie ermordet, ich habe keine Zeit, es ist wenig Zeit, immer. Bei Gelegenheit könnte ich ja mal ein anderes Buch besprechen als dieses. Herzlich Ihr. Rue du Faubourg du Temple, Republic Cinemas, ein Programmkino. Ich habe mir zum vierten oder fünften Mal Öfen Film angesehen, der, wenn schon nicht mein Leben geändert, dann doch der fälligen Änderung ein nicht mehr zu verrückendes Merk Mal hingesetzt hat. Aus Wilhelmshaven anreisend und einen schweizerischen Ausbildungsvertrag zum Kameramann in der Tasche, bin ich 1959 in der Nähe des Barfüßerplatzes in Basel in die brandneue Originalversion des Films "Hiroshima mon amour" von Alain Resnais geraten. Das ist es! Solche Filme müßten es sein! Eine Offenbarung. Das Drehbuch stammt von einer gewissen Marguerite Duras.

Ein Jahr später — ich habe den Film in deutscher Fassung gesehen, die Schweizer Behörden verweigern die Bereitstellung eines Ausbildungsplatzes für den Ausländer, die Schule ist abgebrochen — finde ich mich als Gelegenheitsarbeiter in Paris; die Nächte verbringe ich im Tournon, dort hat Germame Alazar, als sie jung war, dem Joseph Roth viele letzte Cognacs umsonst ausgeschenkt, dort sitze ich neben dem schwarzen amerikanischen Schriftsteller Richard Wright, der von einer Nacht zur anderen stirbt, dort sagt jemand: Tas mir nicht sonderlich aufgefallen. Mein Herz schlug höher. Es gibt sie also alle, nicht nur den steinernen Verlaine mit Furchestirn und den versteckten Schädel Baudelaires im nahen Park. Es gibt sie in Fleisch und in Blut. Die Schriftsteller, Dichter.

Vom Film waren vor allem die Bilder geblieben. Die Frau, die einen Mann liebt, dessen Eltern und Geschwister beim Atombombenangriff auf Hiroshima umgekommen waren, die zerstückelten, verkohlten Leiber auf den Schautafeln, das große politische Verbrechen. Die Frau — als Rückblende — erzählt dem japanischen Geliebten von dem deutschen Soldaten, den sie liebte in ganz jungen Jahren in Nevers, ihrem kleinen Heimatort in Frankreich, am Ufer der Loire. Der starb, von Heckenschützen getroffen, in ihren Armen. Als Verräterin wird sie geschoren, verstoßen. Was sie selbst aber als Verrat empfindet, das ist: hier zum ersten Mal zu einem anderen davon gesprochen zu haben "Je tai trompe" heißt es, ich habe dich betrogen. Erinnerung, Zeugenschaft über das, was geschah, die ganze Literatur als Verrat > Ein schwieriger, lange haftender Gedanke für einen, der selbst angefangen hatte zu schreiben.

Das ganze Szenario des Films — Krieg, Tod und die Gewalt, die der Liebe widerfährt — war für den Siebzehnjährigen, dessen Vater in der Reichsbahneruniform in Oberschlesien per Genickschuß liquidiert worden war, war für den, der als Dreijähriger die Bombennächte Dresdens überlebt hatte, der schließlich nach Paris gekommen war, um mit einer im Jahr zuvor beim Autostop kennengelernten 28 Jahre alten Buchhändlerin das ihr über den Kopf wachsende Geschäft zu betreiben — Jacqueline Bellegarde, du hattest dich ein paar Wochen vor meiner Ankunft, sagte der Wirt im Bistrot nebenan, "unter den Gashahn gelegt" — : das Szenario von "Hiroshima mon amour" schien mir auch mein Szenario, Teil meines Lebens, zu sein. Es war sicher nicht der größte, aber es war der wichtigste Film meines Lebens. Ich habe es am 7. Februar 1989 an der Place de la Republique erneut bestätigt bekommen.

"Zerstören, sagt sie" oder "Die Verzückungen der Lol V. Stein" oder "Ganze Tage unter den Bäumen", einige der Buchtitel der Marguerite Duras, auf die ich in den folgenden Jahren stoße. Romane, Erzählungen, Texte, Drehbücher, Theaterstücke; manches alles zugleich. Ich tue mich schwer mit diesem "unbestimmten Zauber", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn nennt, mit dieser "poetischen Macht der Beschwörung, die noch den banalsten oder auch ausgefallensten Situationen eine Fremdheit geben, die mit der unserer Träume verwandt ist". Meine Träume sind andere.

Ich laufe im Traum nicht den ganzen Tag in Kuranlagen, mehr oder weniger mondänen Hotelhallen, auf Tennisplätzen und in Salons umher und habe kühle, zarte und vage Gefühle, hinter denen was lauert. Das Banale als das Ausgefallene, oder umgekehrt? Oder was? Zu zerbrechlich diese Choreographien, will mir scheinen, Gesellschaftstanz; zu gestellt die Szenen, gestelzt die Sprache. Manien, Manierismen.

Und doch. Da ist etwas. Wo die versteckt ins Zentrum manövrierten Figuren, die beileibe geheimnisumwehten Frauen auftauchen, da entsteht etwas. Lol V. Stein ist die ein für alle Male Verlassene und Betrogene, die ihren Schmerz kühlt in voyeuristischer Partizipation am wie auch immer brüchigen Glück der anderen. Die Mittelbarkeit als der einzig tragfähige Weg zu unmittelbarer Erfüllung. Das wäre dann fast schon sozial (Und sagt die Autorin nicht selbst bei anderer Gelegenheit, sie "denke nichts im allgemeinen, an nichts, außer an die Ungerechtigkeit, die soziale"?) Wann verschenkt schon ein Buchhändler ein Buch? Bettina Wassmann in Brenen drückt mir 1982 einen schmalen Band in die Hand und mit auf den Weg, Marguerite Duras: "Der Mann im Flur", ein Geheimtip, blinzelt sie mir verschwörerisch zu. Wie kommt ein kleiner, damals noch fast unbekannter Verlag (Brinkmann 8c Böse, Berlin) zu einem von keinem Geringeren als dem BeckettÜbersetzer Elmar Tophoven übertragenen Text? Erst als ich lese, schwant mir, warum der deutsche Stammverlag Suhrkamp diese Arbeit verschmäht hat. Hier handelt es sich um den atemberaubenden Versuch, das Äußere und Äußerste, die sexuelle Begierde, darzustellen als den reinsten und tiefsten, den finalen (womöglich tödlichen) Verwirklichungsanspruch von Liebe. Der Versuch gelingt. Wie sonst — im der Duras so nahen Medium — nur noch Oshima mit seinem. Film "Im Reich der Sinne". Mein Interesse an der Autorin ist wiedererwacht.