Von Michael Sontheimer

Mindestens drei Tage und drei Nächte braucht das Flußschiff, um von der Provinzhauptstadt Samarinda an der Ostküste Borneos nach Muarawahau tief im Innern der Insel zu gelangen. Ein gottverlassener Fleck. Die fünf Häuser und ein Restaurant neben einer schlammigen Bootsanlegestelle wären auch nicht der Rede wert, gäbe es hier nicht ein Monument deutscher Entwicklungshilfe zu besichtigen: eine rund fünf Meter breite Straße, die sich als 190 Kilometer langes rötlichbraunes Band durch den Regenwald zieht. Die bundeseigene Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), nennt ihr Projekt stolz "Straße für den Fortschritt".

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau gab für den Bau der Trasse vor acht Jahren ein Darlehen von dreißig Millionen Mark an die Republik Indonesien; elf deutsche Experten und deren Ausrüstung kosteten weitere 25 Millionen Mark an Steuergeldern.

Die deutsche "Allwetterstraße", vom Dauerregen längst in eine Rutschbahn verwandelt, führt von der Bootsanlegestelle Muarawahau gen Osten durch die Regenwälder bis ans Meer. Wegen der angespannten Finanzlage Indonesiens, das unter dem Verfall der Ölpreise leidet, fehlen der Straße noch immer mehrere Brücken. Auch ist nicht sicher, ob die Indonesier die Straße instandhalten können.

Die Regenwälder Indonesiens sind nach denen Brasiliens die größten der Welt: Rund 140 Millionen Hektar, eine Fläche mehr als fünfmal so groß wie die der Bundesrepublik. Sie machen rund vier Zehntel des Dschungels Asiens aus und sind mit 130 Millionen Jahren die ältesten Wälder der Welt, und die artenreichsten: Auf einem einzigen Hektar Primärwald auf Borneo finden sich doppelt so viele Baumarten wie in ganz Europa (siehe Kasten Seite 18: Versuchslabor der Natur).

Indonesien, dieses rund 13 600 Inseln umfassende Archipel zwischen dem Indischen und dem Pazifischen Ozean, ist noch zu über fünfzig Prozent mit Wäldern bedeckt, doch auch sie schwinden dahin: Knapp eine Million Hektar Wald werden pro Jahr gerodet. "Das aktuelle Ausmaß der Ausbeutung", so heißt es im Länderbericht der Weltbank für 1988, "liegt deutlich über dem offiziell angegebenen. Weit verbreitet sind zu intensiver Einschlag und Schädigungen der Reserven."

Die Straße für den Fortschritt wurde ursprünglich gebaut, um Transmigrationsdörfer miteinander zu verbinden – so heißen die Dörfer, in denen Siedler des staatlichen Transmigrasi-Programms leben. Bislang wurden im Rahmen des ambitionierten staatlichen Umzugsprojektes rund fünf Millionen Menschen in dünnbesiedelte und kaum erschlossene Teile des ausgedehnten Inselreiches geschickt. Rund 150 000 Umsiedler sollen versuchen, im Osten Borneos, in der Provinz Ost-Kalimantan, eine neue Heimat zu finden. In der mit über 200 000 Quadratkilometern zweitgrößten Provinz des Landes leben weniger als zwei Millionen Menschen, während sich auf der Hauptinsel Java, die um ein Drittel kleiner ist, bereits über hundert Millionen Bewohner drängen.