Von dem "praktischen Bedürfnis", auf dem das Interesse an der Geschichte jeweils gründe, sprach einmal der italienische Historiker Benedetto Croce. Dieses "praktische Bedürfnis" verleihe der Geschichte die Eigenschaft, "zeitgenössische Geschichte" zu sein, weil sie in Wirklichkeit — so fern auch chronologisch die Tatsachen in der tiefsten Vergangenheit ruhen mögen — immer auf ein gegenwärtiges Bedürfnis, eine gegenwärtige Lage bezogen ist: "So gehört auch der Sündenbock der Juden, gehören die mannigfaltigen magischen Riten primitiver Völker zum gegenwärtigen Drama meiner Seele, und wenn ich ausdrücklich oder unausgesprochen ihre Geschichte erlebe, so erlebe ich zugleich die Geschichte meiner eigenen gegenwärtigen Lage " Das war vor 1933 gesagt. Seitdem ist viel geschehen "Geschichte fließt nicht mehr zwanglos ab", schrieb vor kurzem Jürgen Habermas. Unsere gegenwärtige Lage ist bedroht, von außen durch Krieg vind Atomtod, von innen durch Erinnerung und Geschichte, vor der keine Verdrängungswunder uns auf die Dauer retten.

Wie ein Alp liege die Tradition aller toten Geschlechter auf dem Hirn der Lebenden, stellte Karl Marx fest. Die Bausteine der Zukunft sind immer schon angehäuft, ehe sie beginnt. Deswegen plädieren neuerdings einige jüngere Historiker für die "Endlichkeit der Geschichte", um sie, für den Fall, daß es keine Zukunft mehr gebe, abschließen zu können, vor allem aber, um den wuchernden Zukunftsentwürfen die menschliche Dimension des augenblicklich Wichtigen und Notwendigen abzugewinnen, die Sorge um sich selbst. Das Bewußtsein von der Neuartikeit und Gefährlichkeit gegenwärtiger Entwicklungen läßt viele Historiker ratlos; sie sprechen von der Notwendigkeit einer grundlegend veränderten Geschichtswissenschaft. Nicht so:

Wolf D von Barloewen Constantin von Barloewen:

Die Gesetzmäßigkeit der Geschichte Von den Anfängen der Menschheit bis ins dritte Jahrtausend; 2 Bde ; Athenäum Verlag, Frankfurt 1988; 708 S und 616 S, Subskriptionspreis bis 31 3 89 138 - DM, danach 168 - DM Diese beiden Autoren, Onkel und Neffe, werfen der neueren Geschichtswissenschaft Kurzsichtigkeit vor, partielle Blindheit gegenüber den Erfahrungen von "mehr als zweihunderttausend Generationen". Das heißt: Nicht in der Gegenwart mit ihrer Anverwandlung von Vergangenem liegt der Schlüssel für die Zukunft, sondern in den Anfängen der Menschheit, "denn das menschliche Geschick und der Weg, den Homo einschlagen sollte, wurden dort entschieden und nicht hier". Eine Evolutionstheorie der menschlichen Entwicklung soll vorgelegt werden, zugleich mit dem Versuch, "universal gültige historisch anthropologische Regeln" aufzustellen. Ausgehend von der Meinung, daß der Mensch seit Beginn seiner Geschichte vor Jahrmillionen ein Kulturwesen war, basiert die Darstellung auf einer Theorie der psycho sozialen Evolution, die zwischen jüngeren und älteren Kulturen und Zivilisationen eine "pulsierende Beziehung" feststellt. Dabei wird Kultur als das "gesamte Spektrum menschlicher Gedanken, Handlungen, Kenntnisse und Praktiken" definiert, als das "erlernte, variable und dynamische Instrument, mit dem sich das Individuum seinen Lebensraum schafft und schöpferisch wird, seine Umwelt entsprechend seiner genormten Stellung zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bewältigt". Das Füllhorn der Sprache quillt von Anfang an über, und es sind schon auf den ersten Seiten saure Brocken darunter, aber es geht schließlich, so lernt man, um den Entwurf einer materialen Geschichtstheorie und seine innere Stringenz. An anderer Stelle heißt es: eine materiale Geschichtstheorie "des universalhistorischen Prozesses". Eine solche universalhistorische Betrachtung der Vergangenheit seit den frühesten Spuren menschlichen Daseins offenbart, nach Ansicht der Autoren, die Zukunft. Nun haben, wie der englische Geschichtsphilosoph D H. Plumb in den 1970er Jahren betonte, Historiker immer an die Zukunft gedacht, wenn sie Vergangenes beschrieben, sei es, daß sie der Erinnerung künftiger Generationen aufhelfen wollten, sei es, daß sie den Weltuntergang prophezeihen wollten, wie Nostradamus um 1500 für das Jahr 1999, oder auch bescheiden aus "identifikatorischer Sympathie", wie heute Ferdinand Seibt sagt. Das Anliegen klassischer Denker, die Geschichte der Welt teleologiseh zu begreifen, als "Ursprung und Ziel der Weltgeschichte" (Karl Jaspers), ist hier immer noch lebendig.

Wolf D von Barloewen (1929 1982) und Constantin von Barloewen (Jahrgang 1952) verfolgen ihre universalhistorische Absicht nach zwei Grundmustern: 1. Erforschung universaler Strukturen und vergleichende Arbeit; 2. Betrachtung der Zusammenhänge einer Epoche und Suche nach "Interdependenzen". Die Verbindung dieser beiden Ansätze ergäbe Gesetzmäßigkeiten des evolutionären Prozesses der Kultur "Auf der Grundlage solcher historischen Gesetze und mit Bezug auf analoge geschichtliche Vorgänge" geschieht der Ausblick auf das dritte Jahrtausend — auf unsere unmittelbare Zukunft also — "als Verlängerung von Vergangenheit".

Die "unabschließbare Offenheit des Möglichen", die Karl Jaspers noch in der Zukunft sah, gibt es demnach nicht mehr. Im Bewußtsein, daß "jede Geschichtsdeutung mit den Bewußtseinsebenen ihrer Zeit verbunden" ist, läuft die ungeheure Anstrengung des Barloewenschen Theoriedurchbruchs durch einhundertausend Jahre reflektierenden Bewußtseins. Scheinbar leichtfüßig werden dabei große Zeitspannen übersprungen, so beim Bericht über erste Äußerungen von Beziehung zur eigenen Geschichte "durch die großen Bilderhöhlen zwischen 30 000 und 10 000 v. Chr. Vorherrschender Typus war Homo sapiens sapiens, das heißt der Jetztmensch".

Die Übermalungen der Bilderhöhlen zu verschiedenen Zeiten weisen auf "Wiederholungszeremonien" hin, sagen die Barloewens und fügen hinzu: "Es handelte sich hierbei um Wiederholungszeremonien, das heißt um Vorgänge, deren Wiederholung notwendig erschien, ohne daß mit einer identischen Wiederholung gerechnet werden mußte, denn im Laufe der Jahrtausende haben sich zweifellos zahlreiche Varianten und Sinnverschiebungen ereignet. Die Ethnologie hat das Wiederholungszeremoniell selten so hoch hinauf datiert, da sich große, ausdrücklich zur Welterhaltung aufgeführte Rituale, die ein mythisches Urgeschehen in dramatischer Form wiederholen, nur in einem engen Umkreis um die Kulturhochszene bei sogenannten Jungpflanzern finden, deren Kultur man kein hohes Alter zubilligte. Man übersah jedoch, daß ältere Formen der Wiederholungszeremonie wie zum Beispiel die Bilderverwerfung und Bildererneuerung am Rande der Ökumene bei Wildbeutern, wie bei den Australiern, gefunden wurden und daß hier eine, wenn auch sehr schwach gewordene Tradition bis zur Eiszeit zurückreicht, wie die ältere Schicht der fast in einem franko kantabrischen Stil ausgeführten australischen Felsbilder beweist "