Beginnt der Ankömmling in Las Vegas schon bei der Suche nach einer Rezeption zu zweifeln, ob Caesars Palace denn nun wirklich ein Hotel sei, so wird er sich mit der Antwort nicht lange quälen müssen: Es ist keins! Grundsätzlich ist es hier unmöglich, ein Hotelzimmer ohne Berührung mit Spieltischen und Automaten zu erreichen. Eine Zeitung holen, frühstücken gehen, ein Billet für die Nightshow erwerben – immer führt der Weg mitten durch die Versuchung.

Diese Versuchung währet immerdar.

Frühstück? Kein Hinderungsgrund. Das knappgeschürzte Keno-Girl schwebt heran und plaziert den Lottoschein zwischen Orangensaft und Kellog’s Cornflakes. Wenn man links weiterlöffelt, kann man rechts den Schein ausfüllen, das Girl kassiert, entschwebt und macht am Keno-Board die Wette juristisch klar. Der Teller ist noch nicht leer, da hat man schon verloren. Freilich, es mag vorkommen, daß zwischen Ei und Schinken ein schriller Schrei die Buttermilch im Glas gerinnen läßt. Das kann eine Amerikanerin sein, der die Freude über einen Gewinn mit einigen Frühstücksbestandteilen aus der Kehle quillt. Es kann! Es kann aber auch ein Stuntgirl sein, das zu früher Stunde die Stimmung elektrisieren will.

Fernsehen? Über den Hauskanal Channel 8 verschafft sich Orson Welles Zugang in mein Appartement 7526. Mit Engelsgeduld erklärt er mir alle Spiele, die hier gespielt werden. Für die meisten braucht man eh nicht gescheiter zu sein als ein Hammelkotelett. Um die Sache am lebenden Modell vorführen zu können, benutzt Orson Statistinnen. Die sehen doof und geschlechtslos aus, aber sie gewinnen immer. Alles andere würde nur ablenken.

Einen Snack ins Zimmer? Toast und Tee finden binnen 45 Minuten den fernen Weg von der Küche zur Kammer. Flippern soll der Gast, nicht vespern. Cash bezahlen an der Kasse, also bar? Ist der Mann des Teufels? Hat er keine Kreditkarte? Wie will er seine Hotelrechnung bezahlen, wenn er – wie zu wünschen ist – alles verloren hat? Caesars Palace – ein Hotel, eine Herberge? Nichts von dem. Caesars Palace, das ist ein Hinterhalt. Im Prinzip unterscheiden sich die restlichen Hotels von Las Vegas so drastisch voneinander wie auf der Münchner Wiesen das Schottenhammelzelt von der Ochsenbraterei.

Vorbei sind übrigens die Zeiten, da man in diesen Palästen für ’n Appel und ’n Ei sein Haupt zur Ruhe legen konnte. Vorbei auch die Zeiten, wo die Hotels ihre Spieler mit billigen Steaks und Drinks lockten. Auch die Kerzenlichtdinner mit Revue und Stargesang kosten heute doppelt und dreimal soviel wie vor fünf Jahren. Wo in vergangenen Zeiten die billigen Tarife Las Vegas noch ein wenig freundlich schminkten, da grinst es heute zähnefletschend: Nicht pennen, fressen, saufen sollen die Leute, sie sollen spielen.

Mein Appartement 7526 kostet 110 Dollar pro Nacht, ohne Frühstück, zuzüglich Steuern. Es hat ein sechseckig gemauertes und verklinkertes Bad mit Platz für zwei oder mehr Personen. Zum Baden oder was man sonst darin tun könnte scheint es mir ungeeignet. Auch wenn ich mich ganz flach mache, bleibt der Bauch über Wasser, ein brillanter Seitenspiegel zeigt mir, wie unvorteilhaft das aussieht. Die scharfen Klinkerkanten lassen eine Kopfauflage nicht zu, im Falle von unbeherrschten Körperbewegungen könnte es zu Verletzungen kommen. Ich zähle um mich herum insgesamt achtzehn Textilien von Waschlappen über Hand- und Badetücher bis zum Bademantel. Ich weiß nicht, ob Cäsar sechseckig gebadet hat. Aber ich nehme an, daß sein Badewasser stets abgelaufen ist. Meines jedenfalls – im Appartement 7526 – nicht. Hinterher lag ich auf meinem runden Riesenbett und betrachtete mich lange in dem brillanten Riesenspiegel an der Decke. Es gibt Leute, die fahren nach Las Vegas, um zu heiraten.

Aus Horst Vetten, ,Mann-o-Mann, Nachrichten aus der Mannerwelt“, Verlag Rasch und Röhring, Hamburg