Nach dem Kahlschlag kann nicht mehr aufgeforstet werden

Fassungsloses Staunen stand am Anfang der wissenschaftlichen Karriere von Charles Robert Darwin. Mit 22 Jahren segelte er 1831 auf der Beagle nach Brasilien. Dort fand er eine Welt, wie er sie sich nicht einmal im Traum hätte vorstellen können: „Selbst das Wort Entzücken ist nur ein schwacher Ausdruck für das Gefühl eines Naturforschers, der erstmals allein den brasilianischen Urwald durchwandert“, notierte er in sein Tagebuch.

Darwin war vom biologischen Reichtum des tropischen Regenwaldes überwältigt wie jeder Europäer, der zum ersten Mal den Fuß in einen unberührten Dschungel setzt. Es ist ein einzigartiger Lebensraum, abgesehen vom Meer der älteste auf der Erde, kaum zu vergleichen mit den sommergrünen Laubwäldern oder Nadelwäldern der nördlichen Halbkugel.

Der unberührte Tropenwald ist etagenartig aufgebaut, am Boden nur spärlich bewachsen, meist mit Farnen und Moosen, kleinen Sträuchern oder Pilzen. Es ist feucht wie in einem Treibhaus und dunkel wie in der Dämmerung; nur zwei bis drei Prozent des Sonnenlichts dringen durch das geschlossene Dach der Baumkronen. Am Boden zersetzt sich alles, was nach unten fällt, in atemberaubender Geschwindigkeit. In der schwül-heißen Luft liegt ein fauliger Geruch nach Verwesung.

Der immergrüne Regenwald der Tropen hat – anders als die Wälder der Nordhalbkugel – keine Klimakatastrophen wie die Eiszeit erlebt. Im Verlauf von Jahrmillionen hat die Evolution hier neue Lebensformen erprobt, mit dem Resultat, daß sich dort heute der größte Artenreichtum und damit das größte genetische Reservoir der Erde konzentriert. Schon eine Liste aller pharmakologisch wirksamen Substanzen des Regenwaldes wäre endlos. Und so unüberschaubar die Pflanzenwelt ist, so exotisch ist die Fauna: Altertümliche Lebensformen wie Geißelskorpione, Gürteltiere, Ameisenbären, Lemuren oder Rachenvögel haben in den grünen Reservaten überdauert; seltsame Luxusbildungen sind enstanden wie der überlange Schweif des Quesal-Vogels, den die Mayas als heilig verehrten; extreme wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Insekten und Pflanzen sorgen für ein undurchschaubares Geflecht ökologischer Beziehungen. Die Artenvielfalt ist verwirrend: Auf einem Hektar Regenwald finden sich bis zu 600 verschiedene Baumarten – in einem sommergrünen Laubwald der Nordhalbkugel sind es bestenfalls ein Dutzend. Mehr als 7000 verschiedene Fischarten werden im Amazonas-Gebiet vermutet – den Rhein würden, selbst wenn er nicht verschmutzt wäre, höchstens fünfzig oder sechzig Arten bevölkern.

Wie viele verschiedene Pflanzenarten in den Wäldern der Tropen wachsen, weiß niemand ganz genau: Nur die auffällig Blühenden sind restlos erfaßt, wie die Orchideen, von denen es rund 20 000 gibt. Noch vager sind die Angaben darüber, wie viele verschiedene Insektenarten existieren: Schätzungen und Hochrechnungen reichen von zehn bis dreißig Millionen.

Der Reichtum des Regenwaldes ruht auf einem unsicheren Fundament: Im Boden stecken kaum Nährstoffreserven. Begünstigt durch gleichbleibende Temperatur und hohe Luftfeuchtigkeit sammelt sich kaum Humus an. Jedes Blatt, jeder Zweig, jeder organische Abfall wird innerhalb weniger Tage von Blattschneideameisen, Pilzen, Würmern und Mikroorganismen abgebaut und in mineralisierter Form über die Wurzeln der großen Bäume zurück in den Kreislauf geschleust. Auch die hohe Luftfeuchtigkeit stammt zum großen Teil aus dem Verdunstungsvorgang der Pflanzen: Der Regenwald produziert seinen Regen zu mehr als drei Vierteln selbst. Da jahreszeitliche Schwankungen fehlen, keimt, wächst, blüht und fruchtet es das ganze Jahr. Sichtbare Jahresringe fehlen dem Holz der Tropenbäume; das macht es bei Edelholzhändlern so beliebt.