Von Rudolf Walter Leonhardt

Es war an der Zeit. Es war fällig, daß eine ältere Dame durch Gerichtsbeschluß den Meteorologen untersagen lassen wollte, letzte Sonnentage im September als "Altweibersommer" zu bezeichnen. Offenbar karnevalsfremd, hat sie versäumt, auch gegen die "Altweiberfastnacht" zu klagen.

Ein "Weib" bezeichnete bis vor fünfzig Jahren in deutscher Sprache das Schönste, was das Menschengeschlecht hervorgebracht hat. "Alt" ist freilich im Westen des europäischen Kontinents schon lange nicht mehr in. Scheu ducken sich die Grufties und müssen froh sein, nicht gleich als "Mumien" bezeichnet zu werden.

Gar nicht froh jedoch sind viele von uns, wenn man uns über unser Alter hinwegschwindeln will, indem man uns auf lateinisch und auch noch falsch "Senioren" nennt. "Senior" heißt "älter" und hat seine Berechtigung, wo damit der Vater (senior) zum Beispiel von seinem Sohn (junior) unterschieden werden soll. Wir wollen guten Gewissens und frohen Mutes alte Männer sein und weder Sozialfälle noch Senioren. Wie ich die Welt der Sprachverwirrungen kenne, hat man auch die "Seniorinnen" bereits erfunden.

Wenn schon alt, dann wenigstens kein "Weib". Wie die Alten sungen, so zwitschern’s jetzt die Jungen. Keine will mehr "Fräulein" sein (die Misses und Demoiselles und Signorine sind noch nicht ganz so in Verruf geraten). So viel immerhin hat die Frauen-Bewegung geschafft. Und sie war ja nicht im Unrecht. Das eben macht strittige Fragen so kompliziert, daß keiner der Streiter völlig im Unrecht ist. Zwar bezeichnete "Fräulein" (vrouwelin) bis vor hundert Jahren noch eine junge Dame aus gutem Hause. Aber in unserem Jahrhundert diente es doch immer mehr der Unterscheidung von verheirateter "Frau" und unverheiratetem "Fräulein". Es ist verständlich, daß Frauen so wenig wie Männer gleich durch die Anrede auf ihren bürgerlichen Status hingewiesen werden wollen.

Nicht genug der Klagen. Der "Zentralrat deutscher Sinti und Roma" klagte gegen einen Krimi des ZDF, der freilich aus Italien kam. In diesem Fernsehspiel hatte der Zentralrat Unfreundlichkeiten entdeckt, Klauereien zum Beispiel, wie sie Zigeunern tatsächlich oft nachgesagt worden sind. Die zentralen Räte müssen den Film falsch verstanden haben; denn da waren die Zigeuner, meinetwegen die Roma, am Ende die Verfolger des Bösen.

Es kann schon sein, daß unter den Bösewichten auch ein Roma war. Oder gar ein Zigeuner. "Schurken gibt es überall", pflegte der Jude Robert Neumann zu sagen. "Wir wünschen keine Sonderbehandlung."