Von Karl Hermann

Rechtzeitig jeweils zum Beginn der Berliner Ballsaison wird Coco Schumann aktiv. Er legt seinen weißen Smoking in die Reisetasche, Bügelfalte auf Bügelfalte, und holt die Gibson aus dem Keller. Dann wartet er auf den ersten „Gig“, den ersten Auftritt.

Meist wird er mit seinen Mitmusikanten im Inter-Conti gebraucht, etwa zur Auflockerung einer Pharmakologen-Tagung. Hin und wieder geht es jedoch auch nach Buckow-Britz, zum Grünkohlessen der Kleintierzüchter. Das Repertoire bleibt dasselbe: Wiener Walzer, La Paloma, ein paar aktuelle Hits – wie es gerade kommt. Doch manchmal ist jemand im Saal, der ihn wiedererkennt: Coco Schumann, den Jazzmusiker. Dann steht er – kaum größer als sein Gitarrenkoffer – hinter dem Mikrophon und strahlt: „Auf besonderen Wunsch, meine Damen und Herren, hören Sie jetzt einen Titel von ...“

Coco Schumanns Gedanken gehen dann weit zurück. Es ist 1936. Die Nazis haben über die Kunst das Leichentuch der „völkischen Gesittung“ ausgebreitet. Der „Nigger-Jazz“, wie ihn Goebbels nennt, ist seit einem Jahr verboten. Doch in der Reichshauptstadt hält sich kaum jemand an die Nazi-Order. In den Tanzlokalen rund um den Zoo wird weitergeswingt, als gäbe es den Alptraum marschierender SA-Horden nicht. Im „Moka Efti“, in der „Rosita Bar“, dem „Faun“ oder dem „Kakadu“ stehen fixe Jungs an der Tür. Bei einer Razzia warnen sie die Musiker. Schnell werden die Noten ausgetauscht. Manchmal sind an den Noten die englischen Titel einfach abgeschnitten und durch deutsche Überschriften ersetzt. Aus dem legendären „Tiger Rag“ wird so der „Schwarze Panther“, aus „Joseph, Joseph“ wird „Sie will nicht Blumen, will nicht Schokolade“. Selbst als schon das Dröhnen der Kriegsmaschinerie zu hören ist, stampfen die Berliner „Arier“ und „Nichtarier“, Mitläufer und heimliche Oppositionelle, gemeinsam im Takt: „Pennsylvania – six – five –o –o o“.

Auf der Gartenmauer vor dem Delphy-Palast sitzt ein 13jähriger jüdischer Junge. Geld für eine Eintrittskarte hat er nicht, aber den unbändigen Wunsch, Musik zu machen. Im Cafe-Garten spielen Teddy Stauffer und seine Musiker – eine der zahllosen Big-Bands jener Zeit, die durch geschickte Arrangements amerikanisches „Hot“-Material in harmlose Gassenhauer schmuggelten. Swing ist in. Auch Coco, wie ihn seine Freunde nennen, ist von den Rhythmen fasziniert. Sein Onkel vererbt ihm ein Schlagzeug: Trommel, Becken, Charleston-Maschine, als Clou brennt ein rotes Lämpchen hinter dem Fell. Mit einem Möbelriemen transportiert Coco Schmumann das Instrument zum Lokal. Fünf Mark kassiert er für seinen ersten Auftritt.

Als 50 Mark zusammen sind, kauft er sich eine Jazz-Gitarre mit Steg und F-Löchem. Sein Vorbild ist der Zigeuner-Jazzer Django Reinhardt, der mit nur drei Fingern über das Griffbrett wirbelt. Coco schaut sich die Grundtechnik bei Konzertbesuchen von anderen Musikern ab. Er geht oft in Konzerte.

Auf einer Jam-Session entdeckt Hans Korseck, der damals bekannteste deutsche Jazz-Gitarrist, den inzwischen 16jährigen Coco Schumann. Korseck fördert den Jungen, wo er nur kann. Tagsüber arbeitet Coco „dienstverpflichtet“ für ein paar Mark als Installateur, nachts verdient er als „Hot-Solist“ das Zwanzigfache. Er wird herumgereicht, steigt bei Bully Buhlan ein, bei den Orchestern von Tullio Mobiglia, Lubo d’Orio und Ernst van t’Hoff, spielt das erste Mal mit Helmut Zacharias zusammen. Sein Anschlag sei „trocken“, heißt es, „hart und amerikanisch“ – das allein ist schon eine Auszeichnung.