Rudolf Krämer Badoni hat noch nie viele Freunde gehabt. Daran wird sich auch nach dem Erscheinen seines Buches "Judenmord, Frauenmord, Heilige Kirche" nichts ändern. Daß er, "ein bekannter und erklärter Konservativer und Katholik", dieses Buch geschrieben habe, sei "überraschend", wunderte sich ein Rezensent. Aber nur wer den 1913 in Rüdesheim geborenen Schriftsteller und Doktor der Philosophie nicht kennt, das heißt nach den Koordinaten seiner Herkunft beurteilt, wird es erstaunlich finden, daß er mit 75 Jahren zu einem wohlbegründeten Rundumschlag gegen die Institution Kirche ausholt, daß er in einem Alter, da praktizierende Atheisten heimlich mit Gott zu reden beginnen, seine Abkehr vom "christlichen Mysterium" erklärt: "Es ist nicht leicht, sich davon zu befreien. Ich habe ein ganzes Leben dazu gebraucht " Krämer Badoni, "der alte Feuerkopf" (Miinckesays geschrieben, dabei immer gegen den Zeitgeist polemisiert und sich nie um die Popularität seiner Positionen gekümmert. Er war — und ist noch immer — ein Querdenker, den die Linken für einen verkappten Rechten und die Rechten für einen unberechenbaren Patron halten. Seine 1985 erschienene Autobiographie heißt zu Recht "Zwischen allen Stühlen" "Wohlmeinenden gilt er als ein "Konservativer", aber wenn dieses Attribut etwas wert sein soll, dann müßte man ihn einen "konservativen Anarchisten" rufen: So wie er sich Moden verweigert, so stellt er Traditionen in Frage. Was er sagt, ist nicht unbedingt zum Sofortverzehr bestimmt. Wie recht er hat, erweist sich oft erst mit einiger Verspätung.

1962 hat er, zum Beispiel, den Band "Vorsicht — gute Menschen von links" veröffentlicht, eine Philippika gegen die Repräsentanten des gesellschaftlichen Fortschritts jener Tage. Ich habe das Buch Ende der 60er Jahre, als Go ins und Sit ins den unmittelbaren Ausbruch der Revolution ankündigten, gelesen und war empört: Dieser Krämer Badoni war ein schlimmer Spielverderber, ein Agent der Reaktion! Bald darauf war die revolutionäre Fata Morgana vorbei, und der "Reaktionär" hatte bewiesen, daß er die Zeit und die Zeitgenossen ziemlich genau eingeschätzt hatte. Und nun, da der ökumenische Geist durch die Kirchenschiffe weht, da sich Juden und Christen versöhnt in den Armen liegen und gegenseitig versichern, man glaube letztlich doch an denselben Gott, da Frauenrechtlerinnen Feminismus und Theologie zu einer fruchtbaren Symbiose zusammenbringen möchten, kommt dieser Krämer Badoni daher und erklärt, es ginge ihm nicht um "Judenmord und Frauenmord als bloße historische Fakten", er spreche nicht von "zeitweiligen Verirrungen", sondern über "zwangsläufige Symptome der totalitären Religion". Und während allerorten zwischen Bad Boll und Beersheva "interkonfessionelle Gespräche" abgehalten werden, macht sich Krämer Badoni über die "apologetischen Klugscheißereien heutiger Theologen und Kirchenkommissionen" und "Reformjuden mit philosophischen Ambitionen" lustig. Er schreibt also, wieder einmal, wider den Zeitgeist.

Dabei schreitet er die Kirchengeschichte von Anfang an ab, fängt an mit dem Bischof von Sardes, Melito, der schon im 2. Jahrhundert ein Traktat verfaßte, in dem die Juden des Gottesmordes beschuldigt werden; mit Johannes, dem Patriarchen von Konstantinopel, der wegen seiner rhetorischen Begabung "Chrysostomos" (Goldmund) genannt wurde und ein begeisterter Judenhasser war; mit Augustin, der die Juden eine "triefäugige Schar" nannte und damit zum erstenmal ein "rassisches" Merkmal anführte; geht weiter mit der ersten Blutbeschuldigung im Jahr 1235 und den Pogromen zur Zeit der Kreuzzüge ("Sobald einer das Kreuz zur Jerusalemfahrt nahm, verübte er als erstes gottgefällige Gewalttaten an Juden, um die Reisekosten zu decken "), um schließlich in der jüngeren Geschichte anzukommen. Krämer Badoni erinnert daran, "daß der Leibzoll der Juden in den meisten deutschen Ländern erst am Ende des 18 und in einigen Gegenden erst im frühen 19. Jahrhundert abgeschafft wurde"; daß vor weniger als 100 Jahren die mittelalterliche Blutbeschuldigung aufs neue belebt wurde; daß noch zu Anfang dieses Jahrhunderts Papst Pius X erklärte, das jüdische Volk habe Jesus nicht anerkannt, deswegen könne er, der Papst, das jüdische Volk nicht anerkennen; daß es erst des Holocaust bedurfte, damit die Kirche die Fürbitte für das "verblendete Volk der treulosen Juden" in der Karfreitagsliturgie milderte.

Jahrhundertelang seien die Christen überzeugt gewesen, "mit Gewalttaten gegen Juden den Willen Gottes zu erfüllen"; zwar wurde "das Recht der Juden auf Leben" gelegentlich von einzelnen Päpsten proklamiert, aber die Appelle zeugten nur vom Gegenteil: "keinem anderen Menschenschlag" gegenüber sei eine solche Zusicherung abgegeben worden, "wem sonst noch widerfuhr ein solches Leben auf Gnade und Barmherzigkeit?" Krämer Badoni geht es nicht darum, bekannte Tatsachen noch einmal zu referieren und weniger bekannte aufzudecken. Er möchte ein umfassendes Schuldbekenntnis der Kirche, eine Anerkennung ihrer historischen Verantwortung für das "Blutvergießen der missionarischen Eroberungskriege, der Kreuzzüge, der Albigenserkriege", für die Hexenverfolgung, die Millionen von Frauen das Leben gekostet hat "Auch die Judenmorde können nicht irgendeinem dumpfen Volk als populäre Ausbrüche aufgehalst werden, sie waren rational vorbereitet durch Konzilsbeschlüsse und päpstliche Dekrete voller Judenverachtung und Judendiskriminierung Krämer Badonis furiose Anklageschrift kennt keine mildernden Umstände, auch nicht die — anerkannten — guten Motive Jesu; er konnte nicht wissen, "daß seine Anhänger Jahrhunderte um Jahrhunderte Greueltaten verüben würden, für die er sie allesamt mit einem Mühlstein um den Hals und ins Meer gewünscht hätte Noch im scheußlichsten Foltern und Blutvergießen behauptete die Kirche, den Willen Gottes zu befolgen, aus Gottes- und Menschenliebe zu handeln Die Gewaltanwendung der Kirche wuchs und wuchs und sie nahm nur langsam und in dem Maße ab, in dem der weltliche Arm der Kirche sich versagte. Nichts stellte sie von sich aus ab. Die letzte Hexenverbrennung fand 1793 in Posen statt, im letzten Jahr des katholischen Königreichs Polen "

Man könnte Krämer Badoni entgegenhalten, daß er nicht aus der jeweiligen Zeit urteile und verurteile, sondern aus heutiger Sicht Maßstäbe anlege, die vor 500 oder 1000 Jahren so unbekannt waren wie das elektrische Licht. Aber genau das ist seine Absicht: zu beweisen, daß die Exzesse gegenüber Juden und Frauen nicht Ausdruck des Zeitgeistes, sozusagen business äs usual waren, sondern nüchtern kalkulierte Mittel kirchlicher Politik. Es habe zu allen Zeiten Gegner dieser Gewaltherrschaft gegeben. Einer der Zeugen, die er für diese Behauptung aufruft, ist ausgerechnet Thomas von Aquin, der nicht umhin konnte, "die höchst modern anmutenden Einwände gegen seine Dämonologie selbst anzuführen"; Gelehrte, die zu opponieren wagten, "wurden mundtot und dann ganz tot gemacht". Der Moraltheologe Friedrich von Spee schrieb 1631 ein Buch, in dem er gegen den Hexenwahn argumentierte. Den Frauen nutzte es nichts, er selbst mußte sich anschließend in Sicherheit bringen "Hat die Kirche diesen Mann heiliggesprochen?" fragt Krämer Badoni, um sogleich die Antwort zu geben: "Sie dachte und denkt nicht daran, statt dessen füllen den Heiligenkalender Scharen von rasenden Judenfeinden und krankhaft bigotten Frömmlern und Frömmlerinnen Mehr noch, kein Heiliger habe sich je aufgebäumt "gegen die Degradierung und Mißhandlung von Juden, gegen die von Rom immer wieder geforderten religiösen Kriege, gegen den Feuerschein der Scheiterhaufen, von denen der Geruch verbrannten Menschenfleisches gegen Gottes Himmel stank".

Schön und gut, aber ist das nicht alles längst Geschichte, Schnee von gestern, wie Ritterspiele und höfische Gelage? Mitnichten, sagt KrämerBadoni, "die Kirche verwirft nichts, was sich im Lauf von 2000 Jahfen in ihren Archiven angesammelt hat, sie benutzt lediglich vieles nicht weiter, das setzt sich dann wie Kaffeesatz ab". Und im übrigen vertraut sie darauf, "ihre Schandtaten durch Schweigen aus dem schwachen Gedächtnis der Menschen verschwinden zu machen".

Nicht zufrieden damit, vergessene Schandtaten ins Gedächtnis zurückzurufen, erinnert KrämerBadoni mit Hilfe einfacher Querverweise an die "intellektuelle Schuld der Kirche"; so habe es in der griechischen und der von ihr herstammenden russisch orthodoxen Kirche "keine Hexenverfolgung, keine Inquisition, keine Massenabschlachtungen" gegeben, obwohl es auch in deren Machtbereich im Volksglauben von mythisch gespenstischen Vorstellungen wimmelte "Und warum nicht? Weil von keiner zentralen geistlichen Macht eine Dämonologie wie die römischchristliche ins Volk getragen wurde "