Von Sibylle Zehle

Es war das Ende eines großen Jahres. Das Jahr des Drachen. Der erste Ball in Hongkongs neuem „Convention and Exhibition Center“. Marmorne Demonstration wirtschaftlichen Macht am Ufer des Wanchai. Eigentlich war es ihr Jahr. Und ihr Ball.

Lydia Dunn. Eine auffallend gepflegte Hongkong-Chinesin in hellrotem Spitzenkleid. Sie könnte genauso eine Tai Tat sein, eine dieser funkelnden Gemahlsgattinnen der Stadt. Aber sie ist, wie der Londoner Observer schon 1985 feststellte, „the most powerful woman of Hongkong“, die mächtigste Frau Hongkongs, und am Ende der Ballnacht weiß es ohnedies jeder: Lydia Dunn ist von der Queen zur Dame ernannt worden, als erste Hongkong-Chinesin zur Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire, die lokalen Zeitungen können sich gar nicht wieder einkriegen. Was sollen sie denn nun mit dem frisch angetrauten Ehemann der Honourable Dame Lydia machen, dem liebenswürdigen Michael Thomas, ehedem Generalstaatsanwalt der Stadt? Wird er jetzt automatisch Sir? Und was heißt Dame überhaupt auf chinesisch?

Für die Geehrte selbst kam der Gunstbeweis der Königin wohl nicht so überraschend. „The Darling of the Hongs“, wie die South China Morning Post Lydia Dunn anderntags betitelte, wird nicht nur als Managerin bei den Hongs, den altehrwürdigen Handelshäusern, geschätzt, sie ist auch eine der einflußreichsten politischen Figuren.

Natürlich gratulierte Chen Yu Tung, geldschwerer Chinese, der Lydias Lieblingskind, das 1,2 Milliarden US-Dollar teure Ausstellungszentrum mitfinanzierte. Oder der Schotte Purves, (noch) mächtigster Finanzmann der Stadt, der Lydia, wider alle guten Sitten, in den Aufsichtsrat seiner Hongkong and Shanghai Bank setzte. Oder der britische Statthalter, Sir David Wilson, der Lydia schon 1982 in den Executive Council‚ sein Küchenkabinett rief.

Die Welt der gut 1000 Quadratkilometer großen Enklave ist eng. Von der himmelstürmenden amerikanischen Skyline darf man sich da nicht täuschen lassen. Hongkong ist ein Dorf.

Als wir im Januar 1988 Hongkong verließen, war Lydia die Spitzenmeldung in den Abendnachrichten. Sie kam, zusammen mit dem Gouverneur, von ziemlich ernüchternden Verhandlungen aus Peking zurück.