Das neue Marriott Hotel ködert mit der Fünftagewoche Personal

Smart lächelt er den Lesern der Hongkonger Tagespresse von ganzseitigen Anzeigen entgegen. Bill Marriott junior, Präsident und Besitzer der Marriott-Hotelgruppe, hat in der Innenstadt Hongkongs gerade das erste Hotel seines Konzerns in Asien eröffnet – mit einem Paukenschlag: Gegen die Empfehlung des Hotel-Verbandes hat das Marriott als erstes Hotel in Hongkong die Fünf-Tage-Woche eingeführt. Weltweit ist dies eine Selbstverständlichkeit für den Konzern, aber im emsigen Hongkong ein Regelverstoß. Chinesen in der Hotelindustrie, und nicht nur dort, arbeiten üblicherweise sechs und sieben Tage in der Woche, und nur einmal im Jahr – während der Feiertage des chinesischen Neujahrs – nehmen sie frei.

Die Funf-Tage-Woche war weniger soziale Tat als vielmehr ein Verzweiflungsakt, denn Hongkongs Hotelindustrie fehlt es an Personal. Die Wirtschaft wuchs in den vergangenen drei Jahren um knapp dreißig Prozent. Dieser Boom hat den Arbeitsmarkt leergefegt. Außer 35 000 philippinischen Hausmädchen läßt Hongkongs Regierung nämlich keine Gastarbeiter in die Stadt. Die Folge: Hotels werben sich Kellner, Zimmermädchen, Pagen und Manager in einem harten Konkurrenzkampf untereinander ab. Außerdem werden in Hongkong mehr neue Hotels als sonstwo in einer Stadt der Welt gebaut. Spitzenbelegungsraten von durchschnittlich achtzig Prozent haben etwa zwei Dutzend Hotelgruppen neu in die Stadt gelockt, die Hongkongs Bettenangebot bis Anfang der neunziger Jahre um die Hälfte steigern werden.

Deshalb kam René Wurgler, dem neuen Manager des Hongkonger Marriott, die Idee, die Funf-Tage-Woche einzuführen und damit Personal zu locken. Denn bei der gleichzeitigen Eröffnung von gut einem Dutzend Hotels in diesem Jahr ist aus dem Engpaß ein regelrechter Notstand geworden. Die Situation ist so verzweifelt, daß Hotelmanager, bewaffnet mit Visitenkarten („give me a call“) schon auf Personalsuche in den Restaurants der Konkurrenz gesehen wurden.

René Wurgler hatte zwar bald festgestellt: „Chinesen wollen gar nicht zwei Tage frei haben.“ Dennoch bleibt er bei dem Konzept der Funf-Tage-Woche. „Sie gibt dem Personal zwei Tage frei, um mindestens einen Tag woanders zu arbeiten.“ Mit der Fünf-Tage-Woche, so argumentiert der Schweizer, hatte er gar eine Losung für die Arbeitskrafte-Knappheit gefunden, da das Personal auch an den eigentlich freien Tagen in der Branche rotiert.

Hongkongs Hotelverband – eine Vereinigung der Hotelmanager der Stadt – war wenig amüsiert. „Es ist nicht richtig, wenn ein Newcomer wie Marriott in der Region völlig neue Bedingungen schafft“, sagt der Österreicher Gerd Koidl, Projektmanager des neuerbauten Grand Hyatt. Und sein Landsmann Willi Kollmann, Generalmanager des riesigen New World Harbour View Hotels, der bis zur Hoteleröffnung 1200 Arbeitskräfte sucht, beschwert sich: „Das ist unüblich, so etwas in Verträgen festzuschreiben, denn das Hotelgeschäft geht ja auch mal runter.“

Die harte Konkurrenz ums Personal hat die Löhne nach oben getrieben – und die Zimmerpreise: Unter 800 Hongkong Dollar (200 Mark) ist kaum ein Zimmer zu bekommen. Hongkongs Klubs und die etwa 10 000 Restaurants müssen beim Gehälter-Boom mitziehen. „In diesem Jahr habe ich schon zwei Gehaltserhöhungen von insgesamt vierzehn Prozent gegeben, und um eine dritte komme ich im April nicht herum“, klagt Heinz Grabner vom Foreign Correspondents Club (FCC), dem führenden Barbetrieb der Stadt, in dessen Restaurants und Bars von sechzig Kellnern sechs fehlen.