Weniger sorgfältige und aufrichtige Autoren hätten vielleicht aus der Biographie des Bauernpredigers Thomas Müntzer einen aufregenden Jugendroman gemacht. Der Stoff eignet sich auf den ersten Blickdafür: viel Aufruhr, große Worte, feurige Auftritte, tragisches Scheitern, historisch und zeitgeistreich zugleich. Arnulf Zitelmann, Religionspädagoge und Jugendbuchautor, verzichtet auf Aufregung und Effekthascherei, er verzichtet nicht auf die Wirkung des Zweifels, der Ungewißheit und der offenen Fragen. Das Leben Thomas Müntzers läßt sich nicht lückenlos rekonstruieren. Es gibt ein Gerüst und dazu Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten, die sich bei Betrachtung der gesellschaftlichen Verhältnisse des 16. Jahrhunderts sortieren lassen. Der Leser nimmt teil an der Suche nach den Erklärungen: Die Methode der Rekonstruktion gehört zu der Geschichte, die Zitelmann erzählt. Thomas Müntzer ist vermutlich im Dezember 1489 geboren — sein 500. Geburtstag steht bevor. In Frankenhausen, wo Müntzers Haufen 1525 vernichtend geschlagen und der Anführer gefangengenommen, verhört und enthauptet wurde, hat die DDR jetzt ein Mahnmal errichtet, "Dem deutschen Bauernkrieg und dem revolutionären Wirken von Thomas Müntzer gewidmet". Auch in der Bundesrepublik ist das Jubliäum ein Anlaß, sich des streitbaren Predigers und Luther Gegners ("Doktor Lügner") zu erinnern.

Arnulf Zitelmanns Lebensgeschichte von Thomas Müntzer mit dem Titel "Ich will donnern über sie!" ist in der Biographie Reihe von Beltz & Gelberg erschienen, einer Reihe, in der Zitelmann bereits die Geschichte des Martin Luther, "Widerrufen kann ich nicht" veröffentlichte. Aber oberflächliche Belehrung und Unterhaltung liegen dem Biographen — und auch dem Konzept der Reihe — fern; er nimmt seine Leser ernst.

Es wird kein Held aus Thomas Müntzer. Zitelmann vermittelt den lebensgeschichtlichen und den theologischen Hintergrund von Müntzers sozialen Utopien und anarchistischen Visionen. Er war überzeugt, die lutherische Bewegung legitimiere die herrschenden Verhältnisse nur, sie lasse den Herren und Fürsten freie Hand, ihr Volk weiter "zu stocken, plöcken, schinden und schaben". Gegen den lutherischen "Buchstabenglauben" setzt Müntzer den "redenden Gott", der sich nur durch radikale, quälende "Selbstentleerung" erfahren läßt, der sich zeigt in Offenbarungen, Visionen und Träumen. Seine Propheten sind der geschundene Bauer, der Laie, die erleuchtete Handwerkersfrau, der geistbegabte Tuchmachergeselle "Gottes Wort, das Herz, Hirn, Haut, Haar, Gebein, Mark, Saft, Macht, Kraft durchdringet, darf wohl anders dahertraben, als unsere närrischen, hodensäckischen Doktores erzählen " Aus den spärlichen Quellen läßt sich ein Bild von Müntzers Jugend zusammensetzen, das seine Vorstellung von einer "schwarzen Pädagogik als himmlischem Erziehungsplan" (Zitelmann) verständlich macht "Ach du liebe Rute, du tust mir viel zugute", hieß an der Schwelle zur Neuzeit ein Kindervers. Er illustriert eine Qual, die — so Zitelmann — "dem Opfer nicht einmal den Schmerz läßt".

Mystizismus hat Konjunktur, 500 Jahre nach Müntzers Geburt. Paradigmenwechsel, New Age, Reinkarnation — aktuelle esoterische Reden erinnern zuweilen an die Zweifel der Ketzer, die weder die Allmacht der institutionalisierten Kirche noch die Rationalität des Wittenbergers akzeptieren konnten. Wie viele seiner Vorgänger, Zeitgenossen (und "Nachfolger") hegte Müntzer eine Art Endzeiterwartung; er war überzeugt, das Ende der weltlichen und geistlichen Fürsten sei nahe. Er sah sich als Werkzeug Gottes, der dieses Ende durch ihn herbeiführen und der "zertrennten", in Gegensätze zerfallenen Welt ihre Ganzheit zurückgeben wollte. So wurde Müntzer vom Prediger zum Bauernführer.

Noch unter einem zweiten Aspekt hat Müntzers Theologie aktuelle Bezüge, und Zitelmann nennt die Ideen bei ihren neuen Namen: Anarchismus, Basisdemokratie, soziale Emanzipation, Militanz. Aber er macht immer wieder deutlich, welches Konzept den sozialen Vorstellungen zugrunde liegt und wie es diese begrenzt. Müntzers Anarchie ist eine "fromme Anarchie" — Zitelmann vergleicht sie mit der der schiitischen Revolutionstheologen im Iran.

"Ich will donnern über sie" ist die Lebensgeschichte eines widersprüchlichen Menschen in einer Zeit, die reich an Widersprüchen war, aufgezeichnet mit Sorgfalt und Aufrichtigkeit, ohne Pathos. Ein Buch, das komplizierte Zusammenhänge nicht einfach, aber verständlich macht.

Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 14 80