Professor Erhards Sonntagsreden

Von Wolfgang Zank

Nach wie vor haben die Ideen Ludwig Erhards in der Bundesrepublik ein großes Gewicht. Viele berufen sich auf den früheren Wirtschaftsminister und Bundeskanzler, und viele erklären sich zu seinen geistigen Erben. In manchen Fällen darf man sicher daran zweifeln, ob das zu Recht geschieht. Karl Hohmann hat nun die Aufgabe übernommen, den Vielbeschworenen selbst wieder in die Diskussion zu bringen:

  • Karl Hohmann (Hrsg.):

Ludwig Erhard, Gedanken aus fünf Jahrzehnten, Reden und Schriften Econ Verlag Düsseldorf, Wien, New York 1988 1100 Seiten, 98 Mark

Der Band macht einen gewichtig-repräsentativen Eindruck, enthält zahlreiche Photos (Erhard mit Kennedy, Erhard mit de Gaulle, Erhard beim Papst), wiegt 1,7 Kilogramm und umfaßt 1100 Seiten. Der Preis ist angesichts des Umfangs mit 98 Mark erstaunlich niedrig. Die Ludwig-Erhard-Stiftung, die als Herausgeber zeichnet, wird den Band also beträchtlich subventioniert haben. Ein marktwirtschaftliches Produkt haben wir also nicht gerade vor uns.

Ein Zeitschriftenartikel Erhards aus dem Jahre 1931, in dem der damalige Assistent am Nürnberger Institut für Wirtschaftsbeobachtung Vorschläge zur Überwindung der Wirtschaftskrise entwickelt, steht am Anfang, seine Rede als Alterspräsident zur Eröffnung des Bundestags am 14. Dezember 1976 schließt den Band. Alles in allem enthält das Buch 153 Beiträge Erhards, ausgewählt aus seinen etwa 12 000 nachgewiesenen öffentlichen Äußerungen.

Immer wieder macht der Leser überraschende Entdeckungen. Das gilt beispielsweise für Erhards Idee aus dem Jahre 1931, die Nachfrage mittels günstiger Kredit- und Geldschöpfung zu stärken und so die darniederliegende Produktion zu stimulieren: Erhard als Anhänger einer keynesianischen Politik, wer hätte das gedacht.

Professor Erhards Sonntagsreden

1948 unterstrich Erhard, daß er aus der Schule Franz Oppenheimers stammt, eines Gelehrten, der sich als liberalen Sozialisten bezeichnete. Er selbst, Erhard, hat von daher die "Überzeugung, daß die beiden Begriffe ‚liberal‘ und ‚sozial‘ oder sozialistisch‘ nicht unbedingt Gegensätze zu sein brauchen, sondern daß es einen Weg und eine Lösung geben muß, um beide Zielsetzungen und vielleicht auch beide Methoden miteinander in Einklang zu bringen". Wahlkämpfe nach dem Motto "Freiheit oder Sozialismus" waren mit dem Erhard des Jahres 1948 also bestimmt nicht zu führen. Und wer erinnert sich noch daran, daß Erhard in den sechziger Jahren nachdrücklich ein "Deutsches Gemeinschaftswerk" forderte? Dabei dachte er an einen großen öffentlichen Fonds, aus dem übergreifende und langfristige Investitionen finanziert werden sollten.

Trotz dieser und ähnlicher Überraschungen und mancher anregender Gedanken wird die Lektüre bald ermüdend. Zum einen war Erhard nun wirklich kein zündender Redner oder fesselnder Autor. Selbst Dokumente aus den Brennpunkten seines Schaffens, wie etwa seine Rundfunkansprache vom 21. Juni 1948, dem Tag nach der Währungsreform, wirken wie trockene Exerzitien in Volkswirtschaftslehre für Anfänger. Dann wird der Leser mit schier endlosen Wiederholungen konfrontiert. Daß Erhard ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft war, erfährt der Leser rasch, wenn er es nicht vorher schon wußte. Müssen diese Gedanken nun in verschiedenen Fassungen immer wieder präsentiert werden?

Herausgeber Hohmann nahm fast ausschließlich quasi offizielle Texte mit Verlautbarungscharakter auf. Zeitungsartikel mit allgemeinen Prinzipien, Reden bei Ausstellungseröffnungen oder Ansprachen auf Mitgliederversammlungen von Verbänden bilden bei weitem das Gros der Texte. Da stellt sich manchmal die Frage, ob denn diese oder jene Standardrede wirklich selbst von Erhard verfaßt wurde, oder ob man hier nicht Pflichtarbeit eines Referenten vor sich hat.

Mit der Beschränkung auf derartige offiziöse Texte hat sich der Herausgeber viele Möglichkeiten verschenkt, sein Buch spannend zu gestalten. Um nur ein Beispiel zu nennen: Erhard hatte ein äußerst gespanntes Verhältnis zu Konrad Adenauer, dem ersten Bundeskanzler. Bei einem so dicken Buch wie dem vorliegenden wäre eigentlich authentisches Material zur Frage zu erwarten, wie Erhard seinen Partner und Rivalen sah. Hohmann liefert dagegen nur einen Artikel Erhards zu Adenauers hundertstem Geburtstag vom 26. Dezember 1975. Es wäre von Erhard völlig taktlos gewesen, hätte er bei einer solchen Gelegenheit alte Konflikte aufgewärmt. Selbstverständlich betonte Erhard hier das Einigende und deckte den Mantel des Schweigens über vieles. Wie Erhard wirklich dachte, erfährt man nicht.

Die vielen, teilweise recht ausführlichen Beiträge Erhards enthalten zahlreiches Material zu Detailfragen. Dennoch werden die Kontroversen in ihrem Kern oft nicht deutlich. In einer im Buch wiedergegebenen Bundestagsrede aus dem Jahre 1951 spricht Erhard beispielsweise vom "Problem der Investitionen in den Grundstoffindustrien", bezeichnet dies als einen "strukturellen Fehler in der deutschen Wirtschaft" und erwähnt dann den von ihm entworfenen "Plan des Aufbausparens durch Marken". Es wird weder durch den Zusammenhang noch durch Hinweise des Herausgebers deutlich, was es mit Erhards Plan auf sich hatte.

Dabei kann gerade dieser Plan dazu dienen, zentrale Probleme der Erhardschen Politik zu beleuchten. Der Hintergrund war folgender: Anfang 1951 drängten die Amerikaner die Bundesregierung massiv, eine Reihe von dirigistischen Bewirtschaftungsmaßnahmen einzuführen, um gravierende Engpässe bei Kohle und Stahl zu beseitigen. Erhards Politik hatte zu einem überproportionalen Wachstum der Konsumgüterindustrie geführt, die Grundstoffindustrie war vernachlässigt worden. Nun, nach Ausbruch des Korea-Krieges, sollte auch die westdeutsche Wirtschaft ihren Beitrag zur westlichen Aufrüstung leisten, und da wirkte in amerikanischen Augen "Erhards Dogmatismus" äußerst störend.

Erhard schlug vor, die notwendigen Investitionen über Sparmarken zu finanzieren: Die Konsumenten sollten im Laden einen Aufpreis bezahlen und dafür Marken, ähnlich den Rabattmarken, erhalten. Die auf diese Weise zwangsweise gesparten Beträge sollten dann verzinst werden. Erhard konnte sich mit seiner Idee (wie so oft) nicht durchsetzen. Statt dessen wurden alle Unternehmen nach dem Investitionshilfegesetz von 1952 dazu verpflichtet, Geld in einen Fonds zu zahlen. Unter der Regie der Wirtschaftsverbände wurde das Geld dann in die Grundstoffindustrie weitergeleitet. Ebenfalls unter Leitung der Wirtschaftsverbände wurde ein lockeres Rohstoffkartell aufgebaut, welches wichtige Ressourcen in die betreffenden Branchen lenkte.

Professor Erhards Sonntagsreden

Zu einer Neuauflage staatlicher Bewirtschaftung war es damit nicht gekommen, und Erhard konnte sein liberales Gesicht wahren. Aber mit Marktwirtschaft hatten derlei korporatistische Lenkungspraktiken nichts zu tun und Erhards Projekt des zwangsweisen Markensparens auch nicht.

Die Bundesrepublik war in den fünfziger Jahren ohnehin nie ein Modell lupenreiner Marktwirtschaft. Der Wohnungsmarkt blieb beispielsweise noch lange bewirtschaftet, es gab staatliche Sonderprogramme wie das Arbeitsbeschaffungsprogramm von 1950, und gerade bei der Lenkung der Kapitalströme redete der Staat ein gewichtiges Wort mit. Dies betraf etwa die Investitionsmittel des Bundes, die Verteilung des Geldes aus dem Marshallplan oder massive Steuervergünstigungen. Viele notwendige Investitionen, die bei einem reinen Marktkalkül nicht rentabel waren, wurden erst durch Erhards Steuererleichterungen lohnend.

Heiner Adamsen, dem wir eine fundierte Untersuchung über die Entstehung des Investitionshilfegesetz von 1952 verdanken, urteilt: "Letztlich zeigte sich Erhards Politik wesentlich undogmatischer, als es eine törichte Legende will. Die Allmacht des Marktes wurde immer dann eingeschränkt, wenn aus der jeweiligen Situation eine gezielte Einflußnahme geboten schien." Und man kann ergänzen: Erhards Einfluß schwand, als er diese Flexibilität einbüßte und auf neue Probleme nur noch die Heilungskräfte des Marktes beschwören konnte, auch wenn diese allein offensichtlich überfordert waren. Dies wurde in Erhards zögernden und unsystematischen Reaktion auf die Kohlenkrise seit Ende der fünfziger Jahre deutlich und bei der Rezession 1966 schließlich unübersehbar.

Erhards Politik angesichts wechselnder Herausforderungen in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren, seine praktischen Schritte, seine Wahrnehmung der konkreten Situation, dargestellt an Konzepten des Akteurs, vertraulichen Notizen, Strategiepapieren und öffentlichen Statements, das Ganze sachkundig erläutert und kommentiert: das wäre eine spannende Lektüre. Aber in Hohmanns Auswahl begegnen wir fast nur dem Erhard der Sonntagsreden.

Der Herausgeber wollte aber wahrscheinlich ganz bewußt weg von der jeweiligen konkreten Situation. Hier sollte dem Leser Philosophie und Sittlich-Moralisches, "Ludwig Erhards geistiges Vermächtnis" (so die erste Zeile der Einleitung), präsentiert werden. Dieses Vorhaben mußte bei dem Umfang des vorliegenden Bandes scheitern: Ludwig Erhard hat sicherlich immer das Beste gewollt und viel Richtiges gesagt; aber als Denker war er einfach nicht originell genug, als daß man mit ihm 1100 Seiten füllen könnte.